BZ-Porträt

Ein junger Finne dirigiert das Akademische Orchester in Freiburg

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 13. Februar 2018 um 22:00 Uhr

Klassik

Er hat in Basel Cello studiert – jetzt dirigiert er das Akademische Orchester der Uni Freiburg. Joonas Pitkänen sucht nach einer neuen Spielkultur und setzt auf Inspiration statt Kontrolle.

"Der Künstler sieht sich beim Hexensabbat inmitten einer abscheulichen Schar von Geistern, Hexen und Ungeheuern aller Art, die sich zu einer Totenfeier versammelt haben", schreibt Hector Berlioz über den letzten Satz "Songe d’une Nuit du Sabbat" (Traum einer Sabbatnacht) seiner "Symphonie fantastique". Das teuflische Treiben findet an diesem Abend unter Neonlicht im Informatikhörsaal der Universität statt. Fünf Schlagzeuger befeuern die Exzesse, die Streicher des Akademischen Orchesters Freiburg schlagen die Saiten mit dem Holz des Bogens.

Aber Dirigent Joonas Pitkänen erzählt den Studenten nichts von Tod und Teufel, sondern erklärt, mit welcher Bogenstelle das col legno am besten klingt. Der Finne hat das Orchester der Albert-Ludwigs-Universität erst im Oktober übernommen. Seine Ansagen sind kurz, nüchtern und präzise. Ein blumiger Satz wie "Das klingt wie Mendelssohn mit Opium. Das muss ein bisschen bipolar sein", kommt an diesem Abend nur selten über seine Lippen. Pitkänen zerlegt dieses gewaltige Finale, das auf seinem Höhepunkt die mittelalterliche Dies-Irae-Sequenz mit einem Hexenrondo kombiniert, in seine Einzelteile, lässt Stimmgruppen getrennt voneinander vorspielen und setzt es am Ende wieder zusammen.

Rhythmische Präzision ist ihm sehr wichtig. "Trompäte wäniger" ruft er mit seinem charmanten finnischen Akzent den Blechbläsern zu. Und bei einer heiklen Stelle der ersten Violinen: "Das müsst ihr vielleicht ein bisschen üben." Eine gute Probenatmosphäre ist dem 31-jährigen Dirigenten sehr wichtig.

Von Leistungsdruck hält er insbesondere bei einem Amateur-Ensemble nichts. "Für die Orchestermitglieder ist die Musik ihr Hobby, sie haben aber ein erstaunlich hohes technisches Niveau. Wir müssen schon alle Spaß haben beim Musizieren", erzählt er mit einem Lachen. Erschöpft wirkt der Dirigent nicht nach der zweieinhalbstündigen Probe. Ganz lebendig erzählt er mit markantem "R" und einem großen Wortschatz von seiner Kindheit in Lahti, wo er als Jüngster von fünf Kindern Cello lernte und mit Mutter und Geschwistern dem Vater, der selbst Dirigent ist, zu allen Konzerten folgte. Dass er Musiker werden wollte, stand für ihn schon früh fest. Mit vierzehn legte er einmal für ein Jahr das Cello beiseite – aber nur, um gegen die Eltern ein wenig zu rebellieren. Zum Cellostudium nach Basel kam er im Jahr 2006, weil Freunde ihm von der Stadt und dem Professor Thomas Demenga vorschwärmten. Das bisschen Schuldeutsch reichte nicht, um Schwyzerdütsch zu verstehen, aber er fühlte sich in Basel von Beginn an sehr wohl. "Die Schweizer mögen die Finnen. Wir haben auch eine ähnliche Distanz im Umgang mit Menschen – das Zurückhaltende war mir sehr vertraut."

Eigentlich ist Pitkänen aber ein untypischer Finne. Der jugendlich wirkende Dirigent hat viel Temperament, was man auch in der Probe merkt – und er redet viel und gern, mit einer ausgeprägten Sprachmelodie und starker Mimik. Als Pitkänen 2011 mit dem Cello das Diplomstudium an der Basler Musikakademie beginnt, wählt er Dirigieren als Nebenfach. Ein Jahr später gewinnt er das Probespiel beim Sinfonieorchester Biel-Solothurn und nimmt eine 50-Prozent-Stelle als Orchestercellist an. Parallel dazu verfeinert er sein Dirigat in Meisterkursen und wechselt an die Musikhochschule Würzburg zum finnischen Dirigierprofessor Ari Raisilainen, einem Schüler des legendären Jorma Panula, der renommierte Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen oder Sakari Oramo ausbildete.

Was zeichnet die finnische Dirigierschule aus? "Es geht immer um Klarheit und Effektivität. Man soll durch den Körper alles zeigen können, was für die Musik wichtig ist", erklärt der sympathische Musiker. Wichtig an seiner Würzburger Studienzeit war auch die Zusammenarbeit mit der weltbekannten US-amerikanischen Sopranistin Cheryl Studer, die ihm Gesangsunterricht gab und viele Tipps, wie man als Dirigent mit Sängern arbeiten soll. Mittlerweile hat Pitkänen schon Profiorchester wie die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen und die Südwestdeutsche Philharmonie in Konstanz dirigiert. In Basel organisiert er ein jährlich stattfindendes finnisches Musikfestival. Auch als Orchestercellist und in der Kammermusik ist er nach wie vor aktiv.

Mehr Risiko eingehen

Mit dem Akademischen Orchester hat er viel vor. Im nächsten Semester steht neben dem Klarinettenkonzert von Carl Nielsen und Bartóks Tanzsuite auch die zweite Symphonie seines Landsmannes Jean Sibelius auf dem Programm. "Insgesamt möchte ich mit dem Aka eine etwas andere Spielkultur entwickeln und dabei mehr Risiko eingehen. Ich brauche mehr Flexibilität und weniger Kontrolle. Es muss im Konzert Raum für Inspiration geben. Deshalb kann es gut sein, dass ich manche Stellen ganz anders dirigiere als in den Proben, um diese Spontaneität zu ermöglichen. Dann fängt die Musik an zu leben."

Konzert: Freitag, 16. Februar, 20 Uhr, Konzerthaus Freiburg. Werke von Humperdinck, Saint-Saëns und Berlioz. Karten: http://www.bz-ticket.de und Tel. 0761/4968888.