Ein Tick, der sich nicht auswächst

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Mo, 04. Mai 2015

Liebe & Familie

Kinder brauchen Rituale, um Ängste zu bewältigen/ Was aber, wenn sich daraus Zwänge entwickeln?.

Eines Abends wusste sich Petra S. nicht mehr anders zu helfen: Sie fuhr zu ihrer Schwester, um endlich auch mal unter die Dusche zu kommen. Seit drei Stunden war in ihrer eigenen Wohnung das Bad blockiert. Es war schon bald Mitternacht, und immer noch stand ihre Tochter unter dem Wasserstrahl. Würde sie danach – und sei es ein versehentliches Anstoßen – mit irgendetwas in Berührung kommen, ginge die ganze Prozedur mit Sicherheit von vorne los. Die Hände der 15-Jährigen waren bereits bis aufs Blut wundgescheuert. Abgesehen davon, dass das langsam ein Vermögen kostete – der hohe Wasserverbrauch, die Unmengen an Shampoos und Seifen. Sophies* merkwürdiges Verhalten zerrte an den Nerven der alleinerziehenden Bürokauffrau: "Ich habe nächtelang geheult." Sie wusste ja: Ermahnungen, das einfach mal sein zu lassen und Appelle an Sophies Vernunft würden nichts nützen. Mit der Frage nach Sinn oder Unsinn ihrer Handlungen konnte man ihr nicht kommen. "Sie kann ja nichts dafür", sagt die Mutter.

Unstrittig ist: Kinder brauchen Rituale. Die Gutenacht-Geschichte vor dem Einschlafen, ein bestimmtes Kleidungsstück vor einer Mathearbeit, die spezielle Anordnung der Möbel im Zimmer. "Rituale", sagt Klaus Hennighausen, "sind sehr verbreitet und haben bei Kindern eine Angst mindernde Wirkung." Bedenklich werden sie für den leitenden Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie der Freiburger Uniklinik, wenn zunächst sinnvoll erscheinende Verhaltensweisen ihre Funktion verlieren und zwanghaft ihre Herrschaft über den Alltag ganzer Familien ausüben – immer noch mit dem Versprechen, Sicherheit zu verleihen und die Angst kleiner werden zu lassen. In Wahrheit wachsen sich Zwangserkrankungen zum Horror für alle Beteiligten aus.

"Es ist ein schleichender Prozess", erklärt Sandra B.. An ihrer Tochter Emma* hat sie ihn beobachten können. Als sie drei war, hat sie ständig ihre Socken hochgezogen. Ein ganz normaler Tick, der sich wieder auswachsen kann. Als sie neun war, brauchte sie eineinhalb Stunden, bis alle Rituale absolviert waren und sie sich auf den Weg zur Schule machen konnte: die gedachten Striche im Zimmer, die sie keinesfalls betreten, sondern nur hopsend überqueren durfte. Das fünfmalige Händedrehen, bevor der Wasserhahn geöffnet wurde. Toilette abtasten, Deckel heben und schließen, dreimal die Hände waschen. Wurde der Ablauf gestört, setzte sie ihr Programm wieder auf Anfang. Neue Zwänge kamen, alte verschwanden. Zum Schluss musste die Mutter sie in die Schule fahren, weil der Weg zu Fuß nicht mehr machbar gewesen sei: zwei Schritte vor, drei zurück – wie sollte sie jemals ankommen?

Psychotherapeut Hennighausen unterscheidet zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, die nach außen gar nicht sichtbar werden: Patienten, die genau wissen, dass sie auf dem Weg zur Klinik zehn Pflastersteine berührt und 24 Treppenstufen hochgestiegen sind. Wozu soll das gut sein? Sie können einfach nicht anders, als ständig alles zu zählen. Die skurrilsten Geschichten aus der bunten Vielfalt der Zwänge hat der Arzt schon erlebt. "Wasch- und Reinigungszwänge sind die häufigsten" – neben Kontroll-, Wiederholungs-, Ordnungs-, Berührungszwängen. Unterschiedliche psychotherapeutische Schulen fördern unterschiedliche Ursachen zutage. Die einen halten die Störungen für ein erlerntes Verhalten, das sich, einmal erfolgreich eingesetzt, später verselbständigt und seinen Sinn verloren hat. Tiefenpsychologen stochern in der Sauberkeitserziehung der frühen Kindheit. Neurologen vermuten eine biologisch-genetische Grundlage und weisen mit bildgebenden Verfahren nach, dass bei Zwangserkrankten bestimmte Hirnareale besonders aktiv sind. Sandra B. ist Mutter von drei Kindern. Sie fragt sich: "Warum ist nur Emma erkrankt?" Es wird viel spekuliert. Wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse sind Mangelware.

Nachgewiesen hingegen ist, dass eine Verhaltenstherapie gut wirksam ist. Vor allem, wenn sie kombiniert wird mit Medikamenten, die auf den Botenstoff Serotonin einwirken. Ambulante kombinierte Therapien führen bei bis zu 80 Prozent der jugendlichen Patienten zum Erfolg. "Je länger die Zwänge andauern, desto geringer sind die Erfolgsaussichten", sagt Hennighausen. Er hat es schon erlebt, dass ein bis zwei Sitzungen mit kleinen Übungen ausreichten, um Kinder von ihren Zwängen zu befreien. Nicht alles, was Eltern dafür halten, lässt sich darunter verbuchen: Exzessives Naschen etwa wird einfach als unangenehm empfunden und ist keine Zwangserkrankung.

Sophie, heute 16, ist innerhalb von drei Jahren schon in der dritten Klinik, sechs Monate lang war sie allein im vergangenen Jahr in der Nähe von München. Ihre Mutter berichtet von Erfolgen. "Aber sie waren nicht alltagstauglich." Hennighausen plädiert deshalb für eine wohnortnahe Behandlung: "Was in der Klinik funktioniert, müssen wir in das häusliche und schulische Umfeld übertragen." Bevor eine Behandlung beginnt, werden die Symptome detailliert erfasst, einschließlich der gesamten Entstehungsgeschichte, der Lebenssituation in der Familie, eventuelle traumatische Ereignisse wie eine Trennung der Eltern. "Die familiäre Interaktion spielt eine große Rolle. Die Angehörigen werden in die Zwänge eingebunden", weiß der Psychotherapeut. Petra S. hat ihrer Tochter sogar selbst Seifen und Shampoos eingekauft, "weil ich wusste, wie sie tobt, wenn keine da sind". Heute weiß sie: "Ich habe ihr viel zu viel abgenommen, weil ich sie schützen wollte." Auch das grenzenlose Verständnis bei Freunden und Verwandten sei wohl eher kontraproduktiv gewesen.

Individuelle, mit den jungen Patienten abgestimmte abgestufte Behandlungspläne sorgen dafür, dass sie sich genau den Situationen aussetzen, die sie so sehr fürchten. Wochenlang darf Sophie nur in Begleitung duschen, die Haare dabei nur ein einziges Mal waschen, die Hände werden anschließend mit einer Fettcreme – wie eklig! – eingecremt und sogar ein Kissen damit angefasst. Früher hätte sie es sofort zur Wäsche geben müssen. "Zwangserkrankte entwickeln ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten", erklärt Hennighausen. Und eine Meisterschaft, ihr Umfeld dabei zu nützlichen Helfern zu machen. Diesen Teufelskreis will die Therapie durchbrechen: "Die Betroffenen müssen die Erfahrung machen, dass ihre Ängste auch ohne Zwangshandlung abklingen." Die Expositionsübungen können sich über Stunden hinziehen: Mit einem Therapeuten Straßenbahn fahren, die Haltegriffe anfassen, selbst den Knopf zum Türöffnen betätigen. Manchmal kommt eine Therapeutin auch mit nach Hause: üben, das eigene Zimmer mit Straßenschuhen zu betreten; schlafen gehen, ohne vorher zu duschen.

Emma, heute 14, ist nach mehreren Klinikaufenthalten und einer ambulanten Therapie nicht komplett frei von Zwängen, kann aber ein normales Leben führen: eine Erleichterung für die ganze Familie. Wenn Sophie übers Wochenende aus der Klinik nach Hause kommt und duscht, darf die Mutter nach zehn Minuten an die Badezimmertür klopfen. Neulich hat ihre Tochter ihr beim gemeinsamen Essen sogar ohne Gummihandschuhe eine Schüssel gereicht. Wenn Sophie beim Autofahren von der Mutter verlangt, angeschnallt zu werden, bekommt sie eine Abfuhr. "Mach es selbst", fordert Petra S. ihre Tochter auf.

* Namen der Töchter geändert

– Sandra B. und Petra S. wollen eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Zwangserkrankten gründen. Interessenten wenden sich an das Selbsthilfebüro Freiburg/Breisgau-Hochschwarzwald,
Tel. 0761/21687-35,
Mail: selbsthilfe@kur.org oder
zwangsangehoerige@gmx.de