"Ein Schatz, der einzigartig ist"

Anja Bertsch

Von Anja Bertsch

Sa, 12. September 2015

Kleines Wiesental

BZ-SERIE KLEINDENKMAL NEU ENTDECKT (6): Das "Krone-Fläschchen" in Tegernau ist ein Zeugnis der Geschichte mit Seltenheitswert.

KLEINES WIESENTAL. Wo Menschen leben, hinterlassen sie Spuren. Mal sind sie aufgrund ihrer Größe unübersehbar wie Brücken oder Kirchen, mal sind sie unscheinbar und bedürfen des Blicks von Experten, die aus Fundstücken wie Scherben oder Schriftstücken Erkenntnisse über das Leben unserer Ahnen gewinnen. Und dann gibt es noch jene Spuren, die wenig bis gar keine Beachtung finden und doch eine Geschichte zu erzählen haben. Die Badische Zeitung hat sich auf die Suche begeben und stellt einige von ihnen vor. Heute: Das "Krone-Fläschchen" in Tegernau.

Gerade sechs Zentimeter lang, ordentlich eingestaubt und mit Resten eines unbekannten Etwas im Inneren, präsentierte sich das "Krone-Fläschchen" eher unscheinbar, als Hans Viardot es bei Restaurierungsarbeiten am Tegernauer Wirtshausmuseum "Krone" in einem Sandbett unter den Pflastersteinen des Küchenfußbodens entdeckte. Mittlerweile jedoch ist klar: Das Glasfläschchen ist ein im ganzen süddeutschen Raum einzigartiges Zeugnis der Vergangenheit: Es legt zunächst eine ungewöhnlich weit zurückreichende Spur zur alten Handwerkskunst der Glasmacherei. Darüber hinaus jedoch birgt es in seinem Inneren vermutlich Reste eines "Schutzzaubers" und verweist damit auf spätmittelalterlichen (Aber-)glauben und hergebrachte Hausschutz-Rituale. Damit ist das Krone-Fläschchen "das älteste und beinahe einzige Exemplar eines solchen Schutzzaubers im ganzen süddeutschen Raum", attestierte Werner Störk als Kenner der hiesigen Glashütten-Historie.

Bemerkenswert am "Krone-Fläschchen" ist zunächst sein Alter: Verschiedene Merkmale bewegen Werner Störk dazu, das Kleinod auf das 14. oder 15. Jahrhundert zu datieren, und damit in die Frühzeit der Schwarzwälder Glashütten. Zunächst ist da die grüne Farbe des Glases: Ein charakteristisches Merkmal der Glasproduktion bis ins 17. Jahrhundert hinein. Verantwortlich für diese Färbung ist das Eisenoxid im Quarzsand, der wiederum den wesentlichen Rohstoff für das sogenannte "Waldglas" abgibt. Erst später verbreitete sich das Wissen darum, wie sich dieser Grünstich mit Hilfe von Manganverbindungen – der sogenannten Glasmacherseife – vermeiden und klares, durchsichtiges Glas herstellen lässt.

Weitere Indizien dafür, dass es sich beim Tegernauer Krone-Fläschchen um ein "Frühwerk" der hiesigen Glasmacherei handelt, sieht der Fachmann in der sehr dünnwandigen Ausführung des Glases, im hohen Grad der Verunreinigung und der Vielzahl der im Glas eingeschlossenen Luftblasen.

Dass es in der Region und speziell im Kleinen Wiesental (Wander-)Glashütten gab, war durchaus bereits bekannt. Acht Glashütten sind allein im Kleinen Wiesental nachgewiesen, so etwa in Sallneck um 1550, in Wambach um 1585 oder in Stockmatt um 1600. Etliche weitere Standorte stehen "im Verdacht" früherer Glashütterei. Tegernau allerdings gehörte bislang nicht dazu. Weiter bemerkenswert: Ihre Hochzeit hatten die Glashütten im Kleinen Wiesental den bisherigen Erkenntnissen zufolge im 17. Jahrhundert. Der Fund in Tegernau liegt damit zeitlich womöglich einiges früher.

Mit seiner Vielzahl an Glashütten stand das Kleine Wiesental nicht allein in der Region: Weitere 50 Nachweise gibt es für das Große Wiesental (Raum Zell, Hasel, Gersbach) und angrenzende Regionen; Störk verweist angesichts dessen auf die "exponierte Stellung unseres Raumes bei der Waldglasherstellung im südlichen Schwarzwald."

Dass dieses Handwerk trotz seiner offenkundig immensen Bedeutung so wenige Spuren hinterlassen hat, ist den Besonderheiten dieses geheimnisumwitterten Handwerks geschuldet: Zunächst waren die Glasmacher aufgrund ihres exorbitanten Holzverbrauchs alle paar Jahrzehnte gezwungen, einen neuen Standort zu suchen – dann nämlich, wenn der Wald in der Umgebung gerodet war. Im Zuge eines solchen Standortwechsels brachen die Handwerker ihre Zelte ab und das wortwörtlich: Sie zerstörten ihre Öfen und bauten ihre Siedlungen vollständig zurück. Maßnahmen, die offenbar dafür sorgen sollten, dass keine Hinweise auf die Kniffe der Glasproduktion zurückblieben und das Geheimnis um die Glasmacherkunst bewahrt würde.

Mindestens ebenso spannend und aufschlussreich wie die äußere Gestalt des Krone-Fläschchens ist sein Innenleben: Schon gleich beim Auffinden fiel eine vertrocknete Substanz im Inneren der Flasche auf, aller Wahrscheinlichkeit die Reste eines Weihrauch-Weihwasser-Gemisches. Damit ergibt sich bei der Suche nach der Bedeutung des Fundstückes eine ganz neue Deutungsebene; das zumal, wenn man die Fundsituation in Betracht zieht und den Umstand, dass aus Haagen-Röttelnweiler Ähnliches (wenngleich aus späterer Zeit) schon bekannt ist: Zusammen ergibt dies "einen ersten Hinweis auf ein bislang noch nicht umfassend erforschtes Hausschutz- bzw. Haussegens-Ritual", vermutet Werner Störk in einem dem Krone-Fläschchen gewidmeten Artikel. Vermutlich sollten das Haus und seine Bewohner mit dem Vergraben eines solchen Gegenstandes vor Unheil jeder Art, vor Hexen und bösen Geistern geschützt werden.

Ein solcher Brauch legt ein katholisches Umfeld nahe. Da unsere Region nun 1555 evangelisch wurde, mag hier ein weiteres Indiz für das bemerkenswerte Alter des Krone-Fläschchens vorliegen. Klar ist andererseits aber auch, dass sich so mancher katholische Brauch im Verborgenen auch unterm neuen Glauben hielt. Daher ist nicht auszuschließen, dass das Fläschchen erst nach der Reformation verlegt wurde. In jedem Fall aber deutete alles darauf hin, dass das Krone-Gebäude zumindest in seinen Fundamenten schon weit vor der ersten Erwähnung des Gasthauses im Jahr 1735 existierte. Hans Viardot geht gar davon aus, dass das Ursprungsgebäude eines der ersten Häuser Tegernaus war, das im Jahr 1113 seine erste urkundliche Erwähnung findet. Im Gesamtpaket aus Alter und Schutzzauber-Funktion ist das Krone-Fläschchen "ein Schatz, der absolut einzigartig ist", schreibt Werner Störk dem Team des Wirtshausmuseums Krone ins Stammbuch.

Zu bestaunen ist das Kleinod derzeit freilich nur zu ausgewählten Gelegenheiten. Mangels adäquatem Präsentationsort wird das Fundstück derzeit nur zu besonderen Führungen aus seinem sicheren Verwahrungsort hervor geholt. Wünschenswert wäre, dass die Kostbarkeit einen sicheren Platz im Hausgang der Krone fände, so Hans Viardot.