BZ-Interview

Fremdsprachenunterricht ab 3. Klasse stößt auf Kritik

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Sa, 07. Oktober 2017 um 10:08 Uhr

Elsass

Grundschulkinder in Baden-Württemberg sollen künftig erst ab der 3. Klasse eine Fremdsprache lernen. Das stößt in der Grenzregion am Oberrhein auf Kritik. Ein Interview mit Sophie Béjean.

Bärbel Nückles hat mit Sophie Béjean gesprochen, der Leiterin der staatlichen Schulbehörde in Straßburg.

BZ: Madame Béjean, welchen Stellenwert hat das Erlernen der deutschen Sprache im Elsass?
Béjean: Deutsch ist für uns nicht irgendeine Fremdsprache, sondern die Regionalsprache. Wir haben im Elsass einen besonderen Kontext und eine historische Verantwortung. Deutsch ist also mehr als eine moderne Fremdsprache neben Englisch. Deshalb wird bei uns ab der Grundschule Deutsch unterrichtet, also ab dem Alter von vier Jahren. Politisch ist dies ausdrücklich gewollt. 15,6 Prozent der Schüler besuchen inzwischen sogar einen zweisprachigen Unterricht. Diese Zahl hat sich im Vergleich zu vor zehn Jahren verdoppelt. Wir haben für diesen Bereich auch einen eigenen Studiengang eingerichtet, konnten bislang aber nie den Bedarf an Lehrkräften decken.

BZ: Sie unternehmen große Anstrengungen, damit Kinder und Jugendliche im Elsass die Sprache des Nachbarlandes lernen. Gleichzeitig reagiert man in Deutschland empfindlich, sobald der Eindruck entsteht, der Deutschunterricht komme in Ihrem Land zu kurz. Wie haben Sie auf das Gesetzesvorhaben aus dem Baden-Württembergischen reagiert?
Béjean: Wir von der Schulbehörde und die politisch Verantwortlichen der Region haben uns in einem Brief an die Ministerin gewandt. Wir stehen im Dialog. Wir haben unseren Willen zum Ausdruck gebracht, dass wir daran festhalten, unsere Partnerschaft und die Austauschprogramme weiterzuführen.

"Natürlich kann man darüber diskutieren, ab welchem Alter es sinnvoll ist, eine Fremdsprache zu erlernen."

BZ: Ist es für den grenzüberschreitenden Austausch, für die Treffen von Partnerschulen und Klassen nicht wichtig, dass die deutschen Kinder ab der ersten Klasse, also in der Regel ab dem 6. Lebensjahr Ihre, die französische Sprache kennenlernen?
Béjean: Jeder geht im Rahmen seiner Möglichkeiten und mit seinen Prioritäten voran. Unsere Politik des Spracherwerbs spielt sich ja auch in einem besonderen politischen und historischen Kontext ab. Uns geht es aber immer auch um das Ermöglichen von Begegnungen. Natürlich kann man darüber diskutieren, ab welchem Alter es sinnvoll ist, eine Fremdsprache zu erlernen. Wissenschaftler kommen bei diesem Thema zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

BZ: Machen sie sich denn Sorgen, dass die geplante Veränderung beim Französischunterricht die Zusammenarbeit zwischen Schulen über den Rhein hinweg erschwert?
Béjean: Ich weiß nicht, ob es schwerer wird, jedenfalls wird es anders sein. Wenn es da zu zeitlichen Verschiebungen kommt, wird das Anpassungen erfordern. Natürlich wäre es mir lieber, wenn es nicht notwendig wäre. Wir möchten das jedenfalls unbedingt weiterführen. Unsere Partnerschaften der Nähe finden schon ab einem sehr frühen Alter statt und sind sehr dynamisch.
Zur Person
Sophie Béjean, 53, promovierte im Fachbereich Ökonomie an der Université de Bourgogne in Dijon. Von 2007 bis 2012 war sie dort auch Universitätspräsidentin. Seit März 2016 leitet sie die Straßburger Schulbehörde.

Mit der Einführung des Sprachenunterrichts in der ersten Klasse war Baden-Württemberg Vorreiter. Bis heute wird fast überall in Deutschland erst ab der dritten Klasse eine Fremdsprache unterrichtet. Das könnte sich jetzt ändern. Doch das Vorhaben von Kultusministerin Susanne Eisenmann stößt bei der Opposition im Landtag auf Kritik: Sie beschneide den Fremdsprachenunterricht, heißt es, statt ihn weiterzuentwickeln. Tatsächlich muss das Ministerium erhebliche Engpässe bei der Besetzung von Lehrerstellen bewältigen. Beginnt der Fremdsprachenunterricht später, würden Kapazitäten frei. Die Ministerin zitiert auch auf Studien, die keinen Effekt beim früher einsetzenden Fremdsprachenunterricht sehen. Noch im Oktober soll eine Entscheidung fallen.

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