Elsass

Kriegsrelikte für Touristen

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Sa, 28. April 2012

Elsass

Schlachtfelder, Friedhöfe, Festungen: Das Elsass will seine Militärvergangenheit besser darstellen.

STRASSBURG. Allein 40 Militärfriedhöfe liegen im Elsass, dazu ebenso viele Festungsanlagen und Mahnmale aus der deutsch-französischen Kriegsgeschichte. Doch touristisch ist dieses Potenzial noch wenig genutzt. Dies hat eine Studie des französischen Außen- und des (für Tourismus zuständigen) Wirtschaftsministeriums jetzt belegt – und zugleich gezeigt, dass an solchen Erinnerungsorten gerade im Elsass ein großes Interesse besteht.

Bislang entscheiden Elsass-Besucher sich noch in jedem zweiten Fall ganz spontan zur Besichtigung militärischer Stätten. Denn es fehlt, sagen die Fachleute, an wirkungsvollen Strategien für eine touristische Erinnerungskultur. Gut ein Viertel der Besucher kam aus dem Ausland, vor an Deutsche (31 Prozent) und Schweizer (20 Prozent). Die neue Studie befasst sich mit sechs französischen Départements, darunter das nördliche Elsass. Doch im Vergleich zu Regionen wie Lothringen mit den Schlachtfeldern von Verdun oder der Normandie, wo die Alliierten 1944 gelandet sind, schneidet das Elsass in der Beachtung durch Touristen bescheiden ab: Hier gab es nur halb so viele Besucher.

"Im Elsass ist der Erinnerungstourismus längst keine Nische mehr", sagt dennoch Catherine Million-Hunckler, Projektleiterin für die auf 956 Meter Höhe gelegene Gedenkstätte des "Vieil Armand", des Hartmannsweilerkopfs in den Südvogesen. Hier sind im Ersten Weltkrieg zwischen 20 000 und 30 000 Franzosen und Deutsche gefallen. Mit 250 000 Besuchern auf der frei zugänglichen Plattform des Soldatenfriedhofs und 30 000 zahlenden Touristen in der Krypta 2009 gehört der Kriegsschauplatz zu den wichtigsten Besichtigungszielen überhaupt in der Region.

Der Hartmannsweilerkopf und die anderen wichtigen Erinnerungsstätten im Südelsass und den Vogesen sollen künftig zusammenarbeiten. Es gehe dabei um Vermittlung der schmerzvollen Geschichte: Erinnerungskultur diene nicht der Gewinnmaximierung, meint Frédérique Neau-Dufour, Leiterin der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Struthof-Natzweiler. Sie will vor allem die französische Öffentlichkeit gewinnen. Die nämlich wisse nichts von diesem Ort, klagt sie. Fast die Hälfte der 170 000 Besucher pro Jahr sind Schüler überwiegend aus dem Elsass und Deutschland.

Einem Bildungsauftrag fühlt sich auch Bernhard Just verpflichtet. In gemeinsamer Arbeit mit anderen Deutschen und Franzosen hat er in zwei Jahrzehnten die Feste Kaiser Wilhelm II. bei Straßburg der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie ist ein Fall, wie ihn die Studie beschreibt: Viele Gedenkstätten werden von Vereinen geführt, denen es an Unterstützung und Professionalität mangele. 25 000 Besucher lockte die unterirdische Wehranlage aus der Kaiserzeit an – aufmerksam gemacht durch spärliche Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda. Nicht einmal für ein Empfangsgebäude gab es bisher Geld. Aber das Blatt scheint sich zu wenden: Endlich wurden Hinweisschilder in der Umgebung aufgestellt.