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02. Dezember 2011

Ab wann wird man selbst zum Täter?

350 Gewerbeschüler beim ungewöhnlichen Geschichtsunterricht.

EMMENDINGEN. Die Geschichtsstunde mit dem jüdischen Zeitzeugen Sally Perel werden die etwa 350 Schüler der Gewerblichen und Hauswirtschaftlich-Sozialpflegerischen Schulen Emmendingen (GHSE) nicht so leicht vergessen: Sehr eindrücklich und bewegend erzählte Perel von seiner Jugend als Mitglied in der Hitlerjugend. Dadurch überlebte er den Holocaust.

Skeptisch betreten einige Jugendliche die kleine Turnhalle neben der Carl-Helbing-Schule: "Die Veranstaltung dauert zweieinhalb Stunden, können wir nach der Hälfte der Zeit nicht einfach gehen?", fragen manche. Es dauert nicht lange, dann sind auch sie gebannt von der Geschichte Perels, dessen Leben im Film "Hitlerjunge Salomon" 1989 verfilmt wurde. "Versteckt unter Feinden" verbringt der damals 16-jährige Junge vier Jahre in Todesangst als Jude entdeckt zu werden. In der Zeit von 1941 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges ist er zutiefst innerlich gespalten und lebt in zwei verschiedenen Welten: Tagsüber besucht er eine Eliteschule der Hitlerjugend in Braunschweig, nachts malt er den Judenstern ans Fenster und sehnt sich weinend nach seiner Familie im Ghetto. Zugleich muss sich Perel eingestehen, dass er sich, trotz seiner jüdischen Abstammung, mit der nationalsozialistischen Ideologie identifizieren kann: "Ich spielte nicht nur diese Rolle als Hitlerjunge". Er berichtet wie glaubwürdig die nationalsozialistische Erziehung auf ihn gewirkt und ihn an die Grenze des Selbsthasses getrieben habe. "Es klang so überzeugend und wissenschaftlich". Systematisch habe man die "jungen Gehirne" vergiftet. Gleichzeitig seien aber auch Zweifel geblieben: So sei er davon überzeugt gewesen, dass er selbst nicht so ein "Satan" sei, wie die Nazis die Juden darstellten. Doch habe er bis heute noch nicht genug Immunität gegen die anerzogene Ideologie entwickelt, und müsse sich deshalb regelmäßig in inneren Konfliktgesprächen mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen: "Ich werde es einfach nicht los!".

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Seine Stimme bleibt klar und fest, mit Humor erzählt er von seiner Jugendliebe. Sein Vortrag und seine menschliche Wärme, die in seinen Worten mitschwingt, bewegen und geben den Zuschauern Anlass, sich selbst zu hinterfragen. Wie würde ich mich entscheiden? Tod als Märtyrer oder Leben unter Feinden? Ab wann wird man selbst zum Täter?

Als Verräter an den eigenen Glaubensbrüdern sieht sich Perel nicht: "Das Schicksal hat mir diesen Überlebensweg ermöglicht". Seine Instinkte und angeborene Schutzmechanismen hätten damals in Todesangst die Kontrolle über ihn übernommen, doch habe er seine festen Grenzen gehabt, bis wohin er als Hitlerjunge mitmache. So habe er niemals auf einen Menschen geschossen.

Bis zu seinem letzten Lebenstag hat sich Perel als Ziel gesetzt, weiter Jugendlichen in Deutschland und Israel als Zeitzeuge vom Holocaust zu berichten und Aufklärungsarbeit zu leisten. Zugleich will er Brücken und Frieden zwischen den Völkern schaffen. Dazu nutzt er auch moderne Kommunikationsmittel: So erhalte er nach seinen Vorträgen viele E-Mails und Facebook-Freundschaftsanfragen von bewegten Schülern.

Organisiert wurde die Begegnung von Marlies Raub, eine der Unesco-Koordinatorinnen des GHSE, zudem wurde das Projekt durch die Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt.

Autor: chw