"Auf Messers Schneide"

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Sa, 13. September 2014

Emmendingen

Schwere Folgen hatte ein Unfall für eine Radfahrerin – der Verursacher stand nun vor Gericht.

EMMENDINGEN. Ein 43-jähriger Autofahrer streift eine Radfahrerin, die 70-Jährige fällt, der Mann fährt weiter, stellt sich ein paar Stunden später der Polizei. Bei ihrem Sturz erleidet die Frau ein offenes Schädel-Hirn-Trauma, wird voraussichtlich immer auf Hilfe angewiesen sein. Nun hat sich der Fahrer vor dem Emmendinger Amtsgericht verantworten müssen. Die Lage ist verzwickt.

Neun Stunden Verhandlung, zehn Zeugen und zwei Gutachter braucht Richter Thomas Ullenbruch, um ein Urteil zu fällen. Das Problem: Offenbar hat keiner der Zeugen den Unfall vom September 2013 direkt gesehen. Klar scheint Folgendes: Ein 43 Jahre alter Mann aus Emmendingen hat den Fahrradkorb einer 70-Jährigen, ebenfalls aus Emmendingerin, gestreift, die auf dem Radweg in der Karl-Friedrich-Straße Richtung Emmendinger Stadttor unterwegs gewesen ist. Die Frau, die keinen Fahrradhelm trug, fiel zu Boden, prallte mit dem Gesicht auf den Asphalt, zog sich neben einem offenen Schädel-Hirn-Trauma unter anderem Frakturen im Gesicht zu und büßte Sehkraft ein. Doch all das bekam der Fahrer, der schon damals keinen Führerschein besaß, nicht mehr mit.

Weder die Radfahrerin selbst noch der Autofahrer äußert sich vor Gericht zum Unfallhergang. Die Frau nicht, weil sie derzeit noch immer in Behandlung ist und sich an den Unfall nicht erinnern könne; der Angeklagte schweigt. Zu seiner Person aber macht er ausführliche Angaben: Aufgewachsen ist er in einer Großfamilie. "Es hat an allen Ecken und Enden gefehlt", sagt er. Mit 13 fing er an, Cannabis zu rauchen, mit 17 nahm er das erste Mal Heroin – und blieb hängen, musste unter anderem wegen Diebstahl mehrere Haftstrafen absitzen. Therapien wie im Emmendinger Zentrum für Psychiatrie (ZfP) halfen nicht.

Nun bekommt der Einzelhandelskaufmann Methadon, doch hat er nebenbei immer wieder Heroin genommen. Zum Unfall sagt er nur: "Das geht nicht so einfach an mir vorbei." Er weint. Im Gerichtssaal sitzen einige Angehörige und Freunde der Frau, die acht Wochen lang im Koma lag.

Die Ermittlungen der Polizei an dem Tag des Unfalls liefen ins Nichts. Bis die Ex-Freundin des Fahrers die Polizei rief. Denn nach dem Unfall fuhr er zur ihr, beichtete ihr alles und ging anschließend zu seinem Arzt, um von ihm seine Substitutionsdroge zu bekommen. Danach rief er selbst die Polizei.

"Wäre der Ersthelfer nicht so schnell zur Stelle gewesen, hätte die Frau den Unfall nicht überlebt."

Gerichtsmediziner Rolf Rupp
Zumindest eine wichtige Zeugin fehlt an diesem Prozesstag: die Ex-Freundin des Angeklagten. Sie ist am Morgen ins ZfP eingeliefert worden. Das Vernehmungsprotokoll des Angeklagten kurz nach dem Unfall verliest Richter Ullenbruch: "Ich bin weitergefahren, weil ich wusste, dass hinter mir Autos sind. Ich habe nicht gesehen, dass sie gestürzt ist, konnte es mir aber denken." Am Tag zuvor habe er sich Heroin gespritzt.

Es gebe allerdings keine Hinweise, dass sein Drogenkonsum Auswirkungen auf seine Fahrtüchtigkeit hatte, sagt Gerichtsmediziner Rolf Rupp aus Freiburg. Ebenso wenig könne man sagen, inwiefern ein Fahrradhelm die 70-Jährige geschützt hätte. Sicher sei nur: "Wäre der Ersthelfer nicht so schnell zur Stelle gewesen, hätte die Frau den Unfall nicht überlebt." Der 33-jährige Lehrer hat die Frau in die stabile Seitenlage versetzt. Er habe so verhindert, dass sie an ihrem Blut erstickt, so Rupp.

Wie sehr die Frau unter den Folgen zu leiden hat, erzählt einer ihre Söhne, der eine Wesensänderung seiner Mutter feststellte. Während sie vor dem Unfall für ihr Alter aktiv gewesen, gerne gewandert und Rad gefahren sei, sei sie heute depressiv. Zahlreiche Operationen hat sie schon hinter sich, mindestens eine steht ihr noch bevor: "Eine lebensfrohe Seniorin, die am Leben zerbrochen ist." Schon mehrmals habe sie geäußert, dass sie nicht mehr leben wolle. Die Situation belaste die gesamte Familie. Den Brief, den ihr der Angeklagte schrieb, habe sie erst spät geöffnet. Darin habe sich der Mann entschuldigt – wie auch im Gerichtssaal: "Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich das."

Oberstaatsanwalt Matthias Rall hält eine Bewährungsstrafe für nicht gerechtfertigt – vor allem, weil der Angeklagte, der zum Zeitpunkt des Unfalls noch unter Bewährung stand, vorsätzlich ohne Führerschein gefahren ist. Ähnlich sieht es der Vertreter der Nebenklage, Franz Josef Ehret, der keinen Hehl daraus macht, dass er das Geständnis des Angeklagten für "nicht besonders ehrenwert" hält.

Dem widerspricht nicht nur Philipp Rinklin, der Verteidiger des Angeklagten, der nochmals darauf hinweist, dass sein Mandant die Zusage für eine Langzeittherapie habe. Auch Richter Ullenbruch berücksichtigt das Geständnis in seinem Urteil. Das lautet: ein Jahr zur Bewährung mit diversen Auflagen.

"Ich rechne Ihnen an, dass Sie nach dem Unfall angerufen haben", sagt Ullenbruch, "das lasse ich nicht kleinreden." Er nehme ihm das Abhauen sehr wohl übel. "Das war eine Entscheidung auf Messers Schneide", sagt Ullenbruch.