Konkurrenz aus dem Netz

Die letzte Videothek im Kreis Emmendingen könnte bald schließen

Jonas Hirt

Von Jonas Hirt

Mi, 03. Januar 2018 um 19:09 Uhr

Emmendingen

Die letzte Videothek im Landkreis Emmendingen könnte bald schließen. Die Kundschaft bleibt aus. Im Januar will der Besitzer entscheiden, ob er den Kampf gegen das Internet aufgeben will.

Er ist der letzte seiner Art. In der Stadt und im gesamten Landkreis Emmendingen – Markus Kümpel ist Inhaber einer Videothek an der Bundesstraße. Und bald könnte Emmendingen das drohen, was in Freiburg seit mehr als einem Jahr die Realität ist: keine Videothek mehr in der Stadt. Im Januar werde er die endgültige Entscheidung fällen, ob er weiter macht, gibt Kümpel an. Seit fünf Wochen stelle er fest, die Kunden kommen nicht mehr.

Schon der Begriff wirkt anachronistisch. Videothek. Man denkt an VHS-Kassetten. Im Volksmund ist er aber geläufig. Weil es in den Geschäften längst andere Medien gibt, heißen sie zunehmend Mediatheken. "Videotaxi Media Store" ist auf dem Gebäude in Emmendingen zu lesen. Die Videothek gehört zu einer Franchisekette. Er habe aber viele Freiheiten, sagt Kümpel. Im Wesentlichen sei es eine Einkaufsgemeinschaft. Seine Preise bestimme er selbst. Das Geschäft ist eine alte Werkstatthalle, 500 Quadratmeter groß, fast 10.000 Filme. Neuheiten und Klassiker, wie Casablanca in der einen Ecke. Pornofilme, abgetrennt, in einer anderen.

"Man könnte jetzt sagen, ich sei ein schlechter Geschäftsmann", Markus Kümpel
Lange habe die Branche ein Schmuddelimage gehabt. "Das war berechtigt", sagt Kümpel. Er bezieht sich vor allem auf die Zeit in den 1980er und 1990er Jahren. Die Verleiher hätten keine Kompetenz gehabt, aber das Geschäft habe funktioniert. Als arrogant bezeichnet er jetzt dieses Verhalten. Er setze auf Ehrlichkeit, er wolle Kunden beraten. "Man könnte jetzt sagen, ich sei ein schlechter Geschäftsmann", so Kümpel. Er hat seine Videothek nach dem Boom eröffnet, 1998. "Menschen und Filme: Das war die perfekte Symbiose für mich", sagt der 47-Jährige. Mit 16 habe er angefangen, sich intensiver mit Filmen zu befassen.

Heute kommen immer noch Kunden wegen der Erotikfilme in die Videothek. 80 Prozent des Geschäfts mache aber der Familienteil aus, gibt Kümpel an. Beliebt bei den Kunden seien stets die Neuheiten. Der Schauspieler sei auch ein wichtiger Faktor. Gerade seien Tom Cruise-Filme gefragt. Aber es gebe auch Dauerbrenner: Star Wars, Harry Potter und alle Disney Produktionen. Der Inhaber hebt die Vorteile einer Videothek hervor: die große Auswahl. "Ich habe mehr Filme als Netflix", sagt er. Der persönliche Kontakt. Eine Reklamation sei bei ihm viel einfacher als bei einem Streamingdienst. Und zugleich die Beratung. "Das kann das Internet nicht bieten", sagt Kümpel. "Die Videothek könnte eine Nische sein."

Ist eine Baustelle in der Stadt schuld?

Die Realität sieht anders aus: Das Gebäude sei ein Problem, sagt Kümpel. Er benötige viel Heizöl in den Wintermonaten, 1500 Liter. Dementsprechend hoch seien die Energiekosten. Das ist nicht alles. "Seit fünf Wochen ist der Wurm drin", sagt der Inhaber. Immer weniger Kunden fänden den Weg zu ihm raus aus der Stadt, unweit zur Abzweigung nach Mundingen. Es könne mit der Baustelle in der Karl-Friedrich-Straße zusammenhängen, mutmaßt Kümpel. Während des Besuchs in seinem Laden kommen immer wieder vereinzelt Kunden vorbei. Einige leihen sich aber keinen Film. Sie bringen Pakete für einen großen Versanddienstleister zur Abholung. Und ein weiteres Standbein hat er: "Ich habe Leute, die kommen nur wegen des Popcorns", sagt der Videothekeninhaber.

Zuvor habe er von den Umsätzen leben können. Und das trotz der Konkurrenz Internet. "Es sind nicht die legalen Anbieter", sagt der Videothekeninhaber. Neue Filme seien bei ihm günstiger als bei dem Bezahlsender Sky. Kümpel rechnet vor: Er bietet eine Prepaidkarte an. Für 15 Euro kann sich der Kunde insgesamt 12 Filme leihen, insgesamt für zwei Werktage. "Ein neuer Film kostet bei mir 1,25 Euro, ich denke, günstiger geht es nicht mehr". Es geht günstiger, sogar umsonst, aber illegal: Auf mehreren Portalen können Internetnutzer Filme ansehen, während sie noch im Kino laufen.

Mit Flatrate in den Konkurrenzkampf

In der Regel mit schlechter Qualität. Doch Kümpel ist der Ansicht, dass das keine so große Rolle spiele, da der Nutzer die Filme häufig auf Smartphones und Tablets gucke. Er versuche es mit Service: Eines seiner weiteren Angebote ist eine Flatrate: Für 14,99 Euro monatlich kann sich der Kunde einen Film ausleihen, angucken, zurückbringen und den nächsten ausleihen.

Mit seinem Steuerberater und seiner Bank habe er bereits Gespräche geführt. Im Januar entscheide er sich. "Ich weiß im Moment nicht, wie es weiter geht", sagt er. Der Pachtvertrag laufe noch drei Jahre. Ein Umzug mit einer Verkleinerung sei daher nicht möglich. Und dem Filmverleih komplett den Rücken kehren wolle er auch nicht. "Tja", sagt er und hält kurz inne, "es steckt halt viel Herzblut drin."
Die Videothek



Die Videothek hat Montag bis Donnerstag von 12 bis 21 Uhr in der Bundesstraße 9a geöffnet. Freitag und Samstag von 12 bis 22 Uhr.