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11. Mai 2016

Eine jüdische Familie in der Stadt

Hanneke und Peter Schmitz stellten ihr Buch über Familie Günzburger in der Reihe "300 Jahre jüdisches Leben in Emmendingen" vor.

  1. Hanneke und Peter Schmitz haben ein Buch über die Familie Günzburger geschrieben. Anstoß dazu gab das Familienfoto, das 1920 in einem Emmendinger Garten gemacht worden war Foto: Markus Zimmermann

  2. Silberpokal, Orden und Siegelring sind nur einige Exponate der Familie Weil, deren Mitglieder in der ehemaligen Synagoge im Hintergrund ein und aus gingen Foto: Markus Zimmermann

EMMENDINGEN. Hätte die Stadt 1989 nicht ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger zu einem Treffen eingeladen, wäre die deutsch-jüdische Familiengeschichte der Günzburgers möglicherweise nie geschrieben worden. So jedoch wurden zu Zeiten, als Internetrecherche noch ein Fremdwort war, alte Kontakte wieder aufgefrischt und neue geknüpft. Grundlage dafür, dass die Autoren Hanneke und Peter Schmitz am Sonntag ihr Buch "Die Günzburgers" im Rahmen der Veranstaltungsreihe "300 Jahre jüdisches Leben in Emmendingen" vorstellen konnten.

Lore Aron, eine Cousine ihres Vaters Fritz Günzburger, hatte der Autorin 2011 ein 1920 entstandenes Foto gezeigt. Das war letztlich der Anstoß für die anfangs nur mit privatem Interesse aufgenommenen Recherchen zu den Vorvätern und Müttern. "Inmitten der zahlreichen Familienmitglieder zeigt es meine Urgroßmütter, Babette und Nanette Günzburger", so Hanneke Schmitz. Zwei gestandene Frauen, die schon früh ihre Männer durch den Tod verloren hatten und große Verantwortung übernehmen mussten.

Wie andere jüdische Familien, waren die Günzburgers fest im gesellschaftlichen Leben der Stadt integriert. 1774 war in Emmendingen Israel Günzburger geboren worden, Sohn eines dort ansässigen Viehhändlers und "Stammvater" einer schnell wachsenden Dynastie. Die eigenen acht Kinder hatten wiederum jeweils fünf bis zwölf Kinder, 19 Gräber mit dem Familiennamen auf dem alten und 31 auf dem neuen jüdischen Friedhof legen ein beredtes Zeugnis davon ab.

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In kleinen Schritten waren über die Generationen hinweg bürgerliche Freiheiten und Rechte erreicht worden, was Günzburgers redlich zu nutzen wussten. Zigarrenfabrik, Viehhandlung, Sackwarenfabrik, Weinhandlung und Metallwarenhandel florierten unter diesem Namen in Emmendingen. "Anerkannte, geachtete Personen mit vielen Freundschaften waren die Günzburgers. ’Deutsch im Wesen, dem väterlichen Glauben treu’", zitiert Peter Schmitz aus einer, für ein Familienmitglied gehaltenen Grabrede. Für Deutschland ließ der 1883 geborene Jakob Günzburger sein Leben. Der im damals deutschen Straßburg Lebende fiel am 28. Oktober 1918, seine Söhne Alfred und Paul entschieden sich später, "dass ihr Herz für Frankreich schlägt", konnten später aber trotz der Flucht nach Vichy dem Nazimorden nicht entkommen.

Gerade zu dieser Zeit wird die Familiengeschichte der Günzburgers dann so typisch wie die vieler anderer. "Einige glaubten eine gewisse Toleranz gegenüber den Juden in Emmendingen zu erkennen, andere sahen, wie Hitler auch hier enthusiastisch gefeiert wurde", fassen Schmitz aus Berichten zusammen. Lore, 1919 geboren, wurde von heute auf morgen aus dem Skiclub ausgeschlossen, verlor mit einem Schlag viele Freunde. Die Zigarrenfabrik Günzburger schien noch gewissen Rückhalt zu genießen. Zum 25-jährigen Bestehen gratulierten auch der Teninger Unternehmer Emil Tscheulin und "Der Führer", die Zeitung der badischen NSDAP.

"Zu Philosemiten waren die Nazis aber nicht konvertiert", so Hanneke Schmitz. Vielmehr seien die Günzburgers wegen der Arbeitsplätze gebraucht worden. Die Hoffnung, auch von Julius Günzburger, dem Großvater der Autorin, er könne Hitler aussitzen, war trügerisch. Selbst die Ausreise 1938 zum Sohn in die Niederlande rettete ihn und seine Frau nicht. Im Januar und Februar 1945 wurden sie im KZ Bergen-Belsen, wie sieben andere Günzburgers aus Emmendingen, Opfer der Nazis. Andere waren da längst weg, im sicheren Ausland oder untergetaucht. Grundlage dafür, dass "die von den Nazis zerrissenen Fäden wieder vorsichtig geknüpft werden konnten", wie es die 97-jährige Lore Aron in einem Grußwort schrieb, aber auch, dass die Familiengeschichte geschrieben und fortgesetzt werden kann.

Familiengeschichten, die eine am Sonntag eröffnete Sonderausstellung des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur ebenso erzählt. Gesammelt, gestiftet und geliehen wurden in akribischer Kleinarbeit "Zeugnisse jüdischer Familiengeschichten" vom Leben der Familien Weil, Wertheimer, Schwarz, Veit, Falk, Teschemacher und der neuen Gemeinde. Exponate als Anknüpfungspunkte, um das jüdische Leben in Emmendingen, das die Stadt prägte, zu beleuchten. "Widerstand gegen das Vergessen und ein Bekenntnis zum Leben", hatte Carola Grasse, die Vorsitzende des Vereins, aus dem Vorwort zum Buch zitiert und zugleich die Beweggründe für die Sonderausstellung in Worte gefasst. "Eure Arbeit ist von unschätzbarem Wert, sie hilft Brücken zu bauen", würdigte Torsten Rottberger, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, die Arbeit des Vereins, und bezog sich dabei nicht nur auf die Sonderausstellung, die im Jüdischen Museum noch bis zum Jahresende zu sehen sein wird.

"Die Günzburger. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte", Hanna und Peter Schmitz, 2015, Herne, Frischtexteverlag, (englisch/deutsch), 312 Seiten, 29,90 Euro

Autor: Markus Zimmermann