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15. Mai 2010
Museumsbesuch soll Spaß machen
Ein Rundgang durch die stadtgeschichtliche Sammlung vermittelt Geschichte komprimiert, unterhaltsam und überraschend.
Es geht um den Augengenuss." So beschreibt Hans-Jörg Jenne, Fachbereichsleiter Kultur bei der Stadtverwaltung, das neue Konzept für die stadtgeschichtliche Sammlung, die heute, Samstag, zum ersten Mal nach drei Jahren wieder geöffnet hat. Soll heißen: Texte werden sparsam und nur ergänzend verwendet und auf jegliche Form der elektronischen Präsentation wurde verzichtet. Statt dessen steht das Exponat, das Original im Mittelpunkt – und das Ergebnis lohnt nicht nur einen Besuch. Denn in den sieben Themenräumen erwartet die Besucher so manche Überraschung und nicht jede auf den ersten Blick.
Es lohnt sich also, zu stöbern und zu staunen, oft auch sich zu erinnern. Um 1900 warb Emmendingen für sich als Industriestadt – zu Recht, wie sich im Raum für Industriegeschichte ablesen lässt: Von den Burger Stumpen über Lederindustrie und Sackfabrik bis zum Wehrle-Werk, das ja in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert, sind alle großen Betriebe vertreten. Die Vernetzung zum größten, dem stadtgeschichtlichen Raum, zeigt sich bald: Dort finden sich Handwerk (von neun Brauereien bis zu den Metzgern, vertreten durch ihren Zunftpokal, reicht die Bandbreite) und Vereine "treiben ihr Unwesen". Von den meisten gab es zwei Versionen, eine für die Arbeiter und eine fürs gehobene Bürgertum.
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Dem wiederum ist eine eigene Bürgerstube gewidmet, in der Jenne sein derzeitiges Lieblings-Exponat untergebracht hat: ein lebensgroßes Porträt von Kaiser Wilhelm. In der Ausstellung scheint der wohlwollend auf einen "Bollerwagen de Luxe" zu blicken, wie Jenne das pompöse Spielzeug nennt. Doch das kaiserliche Bild schmückte kein großbürgerliches Wohnzimmer, sondern die Realschule (in der es auch beschädigt wurde, aber von Soldaten, nicht von Schülern!) Der Schule war es von einem jüdischen Bürger gestiftet worden – und wieder ist die Vernetzung da. Der letzte Raum ist dem Nationalsozialismus gewidmet.
Raum? Nein, eher ein schwarzer Schlauch. Drückende Enge empfängt den Besucher, "wählt Hitler" schreit ein feuerrotes Plakat von der Wand. Volksempfänger und Gasmaske grüßen, Fotos zeugen von Maiaufmärschen, vom Krieg (das eindrucksvolle Bild, als Soldaten zum Frankreichfeldzug durch die dörflichen Gassen zogen, stamme übrigens aus einer Lörracher Mülltonne, sagt Jenne), von Zwangsarbeitern, wobei die Ostarbeiter in den Haselmatten untergebracht waren. Ihre letzte noch stehende Baracke nutzen die Eisenbahnfreunde.
Die gekennzeichneten Ausweise der jüdischen Mitbürger markieren die Ausgrenzung als Anfang der grausamen Vernichtungsaktionen und der Blick durchs Fenster fällt auf den Grundriss der in der Reichspogromnacht zerstörten Synagoge – und weist vielleicht so manchem den Weg ins jüdische Museum nebenan. In der Stadtgeschichte haben die Nazis weitere Spuren hinterlassen: Ein drehbares Straßenschild zeigt, dass die netten Blumennamen in der "Gartenstadt" Bleiche einst die Namen von Nazi"helden" trugen, das Originalschild ist gar mit einem Hakenkreuz versehen.
Die Stadtgeschichte, mit Blick auf Schulklassen didaktisch aufbereitet (und das, ohne zu belehren), beginnt mit Markt- und Stadtrecht, zeigt die Stadt als Münzprägeort und belegt, dass es bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts Vieh auf dem Markt gab.
Und wenn der Alt-Bürgermeister Becherer als Marktmeister Anfang des 20. Jahrhunderts gezeigt wird, dann schlägt das auch den Bogen zum neuen Nieder-Emmendinger Alphabet, von A wie Alemannenfund über S wie Schlachthof bis V wie Villa Algier: Stadtgeschichte und Kuriositäten auf engstem Raum, "es soll auch Spaß bereiten", sagt Jenne. Parallelen ziehen ist immer erlaubt: So gab’s schon Anfang des 20. Jahrhunderts einen exakten Plan, wer wo auf dem Wochenmarkt stehen durfte. Ordnung musste sein.
Bahn (unter anderem wird der erste Fahrplan von 1845 gezeigt!), Post (der himmelblaue Briefkasten ist ein Hingucker) und Kirche waren wichtig für die Stadtentwicklung, fast noch spannender aber ist die Entwicklung der Machtverhältnisse. Für die Herrschaftsausübung in Eigenregie stehen die Pläne des Alten Rathauses, das 1729 auf den Grundmauern der alten Gerichtslaube errichtet wurde, es gibt eine Galerie von Bildern der Stadträte von 1897 (mit Funktionen!) und eines von der Verwaltung 1984. Der letzte Nachtwächter gehört in diese Kategorie, aber auch Polizei und Feuerwehr, die ja in diesem Jahr ebenfalls 150 Jahre alt wird.
Aber wem, wozu gehörte die Stadt? Zu Baden? Es gab ja mal einen badischen Pass und Leo Wohleb hat sich wohlwollend ins Buch der Stadt eingetragen. Doch das war viel später. Die verblasste badische Fahne zeigt: Schwarz-Rot-Gold hatte Vorrang. Die "Forderungen des Volkes" von 1847 kann sich jeder Besucher mitnehmen. Sind es Selbstverständlichkeiten? Pfarrer Gustav Eisenlohr wurde vom Dienst suspendiert, weil er am Grab eines getöteten Revolutionärs gepredigt hatte... Und vieles liest sich aktuell.
Friedlicher geht’s im Literatursalon zu. Bemerkenswerte Zitate von Geistesgrößen vergangener Jahrhunderte machen Lust aufs Schmökern und natürlich darf "Hermann und Dorothea" nicht fehlen. "Das Stück spielt nicht hier", betont Jenne, "aber die Stadt hat es mit einer Intensität zu verankern versucht, die einfach ins Museum gehört." Zu den deswegen gesammelten vielen Ausgaben gehört sogar eine für eilige – in Kurzschrift! Da erscheint es ja schon fast normal, dass Carl-Friedrich Meerweins Abhandlung übers Fliegen auch auf portugiesisch erschienen ist.
Gesundheitsfürsorge ist ein Thema, vertreten durch das neue und jetzt alte Krankenhaus an der Merianstraße und dessen alte Glasfenster. Freude über die Arbeitsplätze und den Zuschlag, dass die Heil- und Pflegeanstalt nach Emmendingen kam, spricht aus einem Extrablatt des "Hachberger Boten".
Bleibt die Frage: Wo bekommt man so eine Vielzahl von unterschiedlichsten Exponaten her, die zu einem so lebendig wirkenden Museum inspirieren? Vieles wurde in der Gründerzeit gestiftet, viele Angebote bekommt das Museum auch heute noch. Und man muss sich kümmern. "Ihr kommt jetzt ins Museum", hat Jenne verblüfften Kollegen erklärt, als es um geschichtliche Fotos der Stadtverwaltung ging. Auch wenn die erst ein paar Jahrzehnte alt sind. Denn was heute passiert, ist morgen Geschichte – und damit museumsreif.
Fazit: In seiner neuen Konzeption erzählt das Museum die Stadtgeschichte in sehr anschaulichen Bildern – und vielleicht sollte man nach dem Eröffnungs- und Museumsnachttrubel nochmals in Ruhe gucken kommen. Es lohnt sich.
Autor: Sylvia-Karina Jahn


