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14. April 2009
Musikalische Hochkultur in der Kirche
Kantorei führte unter Jörn Bartels die Matthäuspassion von Schütz auf und wurde dem hohen Anspruch des Vokalwerks gerecht.
EMMENDINGEN. Wem Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion bekannt und geläufig ist, dem drängen sich beim Hören des Schütz-Werkes gleichen Namens Vergleiche geradezu auf – etwa, wenn es darum geht, welche Passagen der Passionsgeschichte jeweils Solisten und dem Chor zugeordnet werden.
Beide Werke setzen im Kern auf die wunderbar zeitlose Schönheit der Luther-Fassung des biblischen Textes (und eben nicht auf die "neuere", irgendwie blass wirkende Übersetzung des Passionspsalms 22, den Pfarrer Georg Metzger am Anfang der Musica crucis am Karfreitag vortrug). Während Bach das Geschehen durch ergreifende Choräle und Arien von unendlicher Schönheit kommentiert, verzichtet Schütz darauf, allein am Ende seines Werks steht das "Ehre sei Dir Christe, der Du littest Not … ". Größter Unterschied: Schütz’ Passion ist ein reines Vokalwerk, Chor und Solisten sind auf sich gestellt.
Vielleicht ist das dem theologischen Gehalt des Geschehens ja sogar angemessener? Beide Werke sind ohne einen tragenden, souveränen Evangelisten unvorstellbar. Jens Eggert wurde dieser Aufgabe souverän gerecht – mit beneidenswerter Sicherheit und Gestaltungskraft trug er das Geschehen. Marcel Fischer (Bass) wirkte in seiner Jesus-Partie etwas unsicherer, zuweilen abgehackt, wie fahl – erst im "Eli, eli, lama asabthani" (Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen – ein Vers aus dem Psalm 22) strahlte seine Stimme auf. Die weiteren Rollen füllten Mitglieder der Kantorei aus: Besonders und stellvertretend für das ganze Ensemble erwähnenswert Emanuel Jauch (Pilatus und andere) und Antje Hecker-Kessler (Judas). Es gehört schon musikalisches Können dazu, ganz ohne die Hilfe begleitender Instrumente "punktgenau" solistisch präsent zu sein.
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Die Kantorei unter Jörn Bartels ist ein ausgezeichneter, sehr gut besetzter Chor, der seinem Dirigenten exakt folgt, Klangkraft und Dramatik entwickelt und (bis auf einen Einsatz) von professioneller Präsenz ist. Im Wechselspiel von Chor und Solisten wird das Geschehen lebendig: Wie die Hohepriester und Schriftgelehrten Jesus mit Verrat und Intrigen, einem falschen Prozess und blöder Niedertracht umbringen. Menschen, die erkennen, dass dieser Mann nicht den Tod verdient, sind rar: Pilatus’ Ehefrau, deren Namen nicht genannt wird ("sein Weib", heißt es, schickte nach ihm), kann trotz ihrer Intervention ("Habe Du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten!") den qualvollen Tod nicht verhindern.
Was kann uns das heute sagen? Eine, auf den ersten Blick ungewohnte Möglichkeit der Interpretation bot Jörn Bartels in der Mitte der Passion an: Er drehte sich zur Gemeinde und trug (auswendig!) Andreas Gryphius’ Sonett "Threnen in Schwerer Kranckheitt" vor.
"Was ist das leben doch! was sindt wir/ ich und ihr?" heißt es da. Heute etwas, morgen nichts (Gryphius drückt es noch etwas drastischer aus), und es endet: "Ein mitt viel herber angst durchaus vermischter traum." Auf den ersten Blick hat dieses Gedicht mit dem Passionsgeschehen nichts zu tun – hört man es zusammen, passt es doch. Der Nachmittag in der sehr gut besuchten Stadtkirche hatte mit Bachs Choralvorspiel "Da Jesus am Kreuze stund" begonnen – diese Musik stellte Stille, Ruhe und Konzentration her, nahm die Gemeinde gleichsam aus dem frühsommerlichen Stadtgeschehen heraus. Passend auch der Choral "Jesu, Deine Passion will ich jetzt bedenken", das neuere Gesangbuchlied "Korn das in die Erde, in den Tod versinkt", nahm zwar im gemeinsamen Singen von Gemeinde und Chor das rein Vokale der Schütz-Passion auf, wirkte aber neben dem eben Gehörten eine Spur zu banal.
Doch das sehr gute Niveau der Kirchenmusik an der Stadtkirche ist einmal mehr deutlich geworden.
Autor: Frank Berno Timm
