Von Krieg, Flucht und Integration einer Familie

Georg Voß

Von Georg Voß

Di, 02. Oktober 2018

Emmendingen

Der aus Emmendingen stammende Autor Michael Longerich las in der Buchhandlung Sillmann aus seinem Roman "Immer wieder".

EMMENDINGEN. Der aus Emmendingen stammende Autor Michael Longerich las am Freitagabend in der Buchhandlung Sillmann vor knapp 15 Gästen aus seinem Roman "Immer wieder", der im August dieses Jahres im kleinen Bonner Kid Verlag erschienen ist.

Es ist sein erstes Buch überhaupt und thematisiert die traumatische Flüchtlingserfahrung einer bosnischen Familie, die Anfang der neunziger Jahre vor dem Bürgerkrieg aus dem auseinanderbrechenden Jugoslawien über Wien nach Dänemark flieht, wo sie eine neue Heimat findet. Doch die Erlebnisse des Krieges lässt sie auch im dänischen Esbjerg, einer Hafenstadt in Westjütland, nicht zu Ruhe kommen.

Das Ehepaar Elma und Edin lebt in der kleinen bosnischen Stadt Kozarac, rund 35 Kilometer nordwestlich von Banja Luka, aus dem auch Edin stammt. Die Mehrheit der Einwohner dieser bosnischen Kleinstadt sind Muslime, es leben aber dort auch Serben und Kroaten. Dort kommt auch Sohn Mensur 1989 zu Welt, dessen Aufwachsen und Integration in Dänemark Longerich in vier Kapiteln von 1989 bis 2016 erzählt. "Insgesamt wurden 1993 fast 15000 Menschen aus Bosnien-Herzegowina in Dänemark aufgenommen", heißt es an einer Stelle im Roman.

Michael Longerich wurde 1958 in Freiburg geboren und hat Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Seit 1989 wohnt er im dänischen Tønder an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Erstlingswerk bezeichnet er als "viertes Kind". Er unterrichtet Geschichte und Deutsch an dem dortigen Gymnasium und ist Jugendtrainer in einem Fußballverein.

Als solcher ist er auch dazu berufen, den Protagonisten Mensur Fußballspielen zu lassen. "In einem Verein gelingt die Integration besser", sagt Michael Longerich, auch wenn die Integration dem jungen Mensur nicht leicht gemacht wird und auch Häme und Beleidigungen seitens dänischen Jugendlicher über sich ergehen lassen muss. Über das Trainieren erfuhr Longerich auch vom traurigen Unglück einer Flüchtlingsfamilie, dem Selbstmord einer Flüchtlingsmutter. Dies war Anlass für ihn, darüber zu schreiben. Daher auch der Buchtitel "Immer wieder". "Es sind diese Gedanken, die immer wieder auftauchen", sagt Michael Longerich. Auch bei dieser fiktiven bosnischen Familie, die in Esbjerg Asyl finden wird, stürzt sich die Mutter vom Dach einer Psychiatrie in den Tod, da sie ihre schrecklichen Erlebnisse in dem kriegsgepeinigten Kozarac nicht vergessen kann. Zudem hat sie Angst vor Dragan, der ebenfalls aus ihrer Heimatstadt stammt. Gehörte er zu den Tätern? "Die schweren Erinnerungen. Dragan. War er nicht ihr guter Nachbar gewesen? Dragan", zitiert Longerich. Folglich bleiben Vater Edin, der gerne nach dem Bürgerkrieg in seine Heimatstadt zurückkehren will, um eine neue Existenz dort aufzubauen, und Mensur alleine zurück. Doch auch der Vater wird in die Psychiatrie eingewiesen. Mensur wird später nach Kopenhagen ziehen, um dort in wechselnden Vereinen Fußball zu spielen.

Aber es geht in diesem Roman nicht alleine um diese fiktive Familie aus Bosnien, sondern auch um weitere Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina, die in Dänemark eintreffen. Darunter Samira, eine ältere Frau, die alles in der Heimat verloren hat, samt Angehörigen. Samira und die fiktive Familie werden sich begegnen.

Dieser Roman von Michael Longerich ist realistisch und beschönigt nichts, vor allem öffnet er schonungslos die Augenvor dieser Erfahrungen von Krieg, Flucht und schwieriger Integration. Als Motto stellt er dem Roman ein Zitat aus dem Märchen der Bremer Stadtmusikanten voran: "Etwas Besseres als den Tod findest du überall."

Info: Michael Longerich, "Immer wieder", Roman. Erschienen im Bonner Kid-Verlag, Preis: 14.80 Euro.