Die Retterin der Wörter

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 12. November 2017

Endingen

Der Sonntag Bärbel Willmann und der Heimatverein wollen Königschaffhausens einzigartige Mundart erhalten.

Heile, heile Säge
Drei Dag Rägä
Drei Dag Schnee
Un scho duets nimmi weh

(Der bekannte Kinderreim in Königsschaffhauser Dialekt)

Vor dem hübschen blauen Milchhüsli im Endinger Ortsteil Königschaffhausen steht Ortschaftsrätin Bärbel Willmann und lädt ein, ihr ins Kirschenmuseum im Dachgeschoss des benachbarten Ortschaftsamts zu folgen: "Weil bei uns der Obstbau und besonders die Kirschen einen hohen Stellenwert haben, wurde hier alles zusammengetragen, was damit zu tun hat", erzählt sie vor einheimischen Trachten und Gerätschaften für die Kirschenernte. Die 59-Jährige ist in Königschaffhausen geboren. Heimatverbundenheit und das Bewahren von Traditionen liegen ihr am Herzen.

Dazu gehört auch der ortseigene Dialekt: "Es wäre sehr schade, wenn der verlorengeht. Wenn man sich mit jüngeren Leuten unterhält und hiesige Mundart spricht, fragen sie oft, was einzelne Wörter bedeuten", erzählt Willmann. Auch ihr selbst gehe es manchmal so, wenn ältere Einheimische etwa Begriffe für Tätigkeiten rund um den Kirschenanbau oder Handwerkszeug in den Reben benutzten. "Schnalle" heißt eine grüne unreife Kirsche, und wenn eiskalte Füße heiß werden, kommentieren das Dialektsprecher bildlich nachvollziehbar mit "D’ faes hornigglä".

Was tun, damit all die schönen alten Wörter nicht verlorengehen? Auf seiner Generalversammlung im Februar beschlossen Mitglieder des Heimatvereins Königschaffhausen, Mundart zu sammeln. "Vor 15 Jahren wurde der Verein gegründet, hauptsächlich, um das Kirschenmuseum zu gestalten", erklärt Bärbel Willmann, selbst Mitglied der zurzeit rund 90 Mitglieder zählenden Gemeinschaft: "Im Schnitt sind die Vereinsmitglieder 75 Jahre, aber das ist bei vielen Vereinen so, denn jüngere Leute wollen sich nicht mehr binden, ihre Freizeit in eigener Regie gestalten." Ein Projekt wie das Königschaffhauser Wörterbuch, sei auch wichtig, um Traditionen zu bewahren.

Schnell sprach sich herum, dass im Heimatverein Wörter gesammelt werden, und wann immer man sich auf Festen traf oder in größerer Runde zusammensaß, wurde aufgeschrieben, was Dialektsprechern in den Sinn kam: Alltagswörter, Redensarten, Schimpfwörter, Neckereien, Kinderreime. "Und natürlich Begriffe für Arbeiten in den Reben oder beim ’Chirsibreche’", ergänzt Bärbel Willmann. 700 Wörter sind bisher zusammengekommen, viele handschriftlich notiert und abgegeben im Ortschaftsamt.

Nun steht der nächste Schritt an: alles so aufzuschreiben, wie es ausgesprochen wird, und dann von alten, dialektsprechenden Königschaffhausern kritisch Korrektur lesen zu lassen. Noch ist Platz für neue alte Wörter. "Vielleicht hören auch Menschen, die früher hier gewohnt haben, von uns, und steuern noch ein paar Wörter bei", hofft Bärbel Willmann und rechnet damit, dass die Sammlung am 23. November wachsen könnte. Dann wird im Burgundersaal nämlich eine alte Tradition wiederbelebt, die noch von den Großeltern gepflegt wurde: Sich Zeit zum Zusammensitzen und zum Reden zu nehmen und zur Ruhe zu kommen – das ist die Essenz beim "Z’ Liacht go". Zum Licht gehen, das kann man wörtlich nehmen, denn Kerzen erhellen in der gemütlichen Runde den Raum. "Früher fand das nach der Ernte im Familien- und Verwandtenkreis statt", sagt Willmann und berichtet, wie das "Z’ Liacht go" vor drei Jahren mit viel Anklang im größerem Rahmen in der dekorierten und mit Kerzen stimmungsvoll beleuchteten Halle stattfand. Dabei kann man Schmalz-, Speck- und Marmeladenbrot essen, Wein aus Krügen trinken, Nüsse entkernen, Stricken und Gesellschaftsspiele machen oder sich unterhalten und alte Lieder singen. Bärbel Willmann und die Mitglieder des Heimatvereins werden dabei ganz Ohr sein – Stift und Papier in Griffnähe.

Katja Russhardt
Wörter im Königschaffhauser Dialekt sammelt Bärbel Willmann unter Telefon 07642/ 8585 und E-Mail info@ortschaftsrat-koeningschaffhausen.de