Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. Oktober 2014

Epochal und innovativ

Am kommenden Sonntag wird im Georg-Scholz-Haus die Ausstellung "Straßenfluchten" eröffnet.

WALDKIRCH. Am kommenden Sonntag, 26. Oktober, wird um 11 Uhr im Georg-Scholz-Haus die Ausstellung "Straßenfluchten" eröffnet. Die Frankfurter Kunsthistorikern Katrin Kolk wird in die Ausstellung mit Werken von Alexander Becherer (Gengenbach), David Monllor (Zürich) und Christian Krämer (Karlsruhe) einführen.

Seit der Gegenbewegung zur Aufklärung, der Romantik, beschäftigten sich in der schwarzen Romantik Künstler besonders mit dem, was man sich rational nicht erklären kann, wie Abgründe der Psyche und Jenseitiges. Sie waren Vorläufer der Symbolisten und später der Surrealisten. Mit melancholisch-skeptischem Blick gingen "Goths" ins 21. Jahrhundert.

Es ist also ein Blick auf vermeintlich Bekanntes, das den Besucher der Ausstellung im Georg-Scholz-Haus erwartet. Wer kennt sie noch, Klappbücher, bei denen sich beim Aufschlagen Szenen aufbauen, wie hintereinander aufgestellte Bühnenbilder? An diese erinnern die schwarz-weißen Wandszenerien, die Christian Krämer mit schwarzem Humor auf von ihm selbst gestaltete Konsolen aufbaute, wie zum Beispiel dürre Gestalten mit Rabenköpfen, die Pfandflaschen mit dem Fahrrad transportieren: "Daily Struggle".

Werbung


"Weiße Rose" war der Name einer Widerstandsbewegung im Dritten Reich, deren bekanntesten Gesichter die Geschwister Scholl waren. 1915, 99 Jahre ist das her, wurde erstmals Giftgas an den Fronten im Ersten Weltkrieg eingesetzt: "Die Natur schlägt zurück" – präzise und plastisch gemalt hat David Monllor eine Gasmaske, umwuchert von weißen Rosen, auf beinschwarzem Untergrund. Weitere Stillleben schwarzer Romantik, hergestellt mit perfektionierter Schablonen-Technik, zeigen unter anderem Vögel, die so heftig flattern, dass sie sich auflösen.

Überforderung, das ist auch ein Thema von Alexander Becherer. "Einer von Zwölf": Aus einer Reihe konform Denkender fällt einer heraus, aus dessen Kopf Symbole der globalisiert-materialistischen Welt herausfallen. Rund 300 Symbole hat Alexander Becherer im Repertoire: Augäpfel, Smartphones, Würfel, Mickey-Maus, die er als Symbole des Unberechenbaren, des Banalen, des Vergänglichen, verwendet, die sich in einem anderen Bild aschgrau am Rande eines Vulkans wie Müll ansammeln.

Krämer, alias "Dome", Jahrgang 1975, Becherer (1983) und Monllor (1987) begannen ihre künstlerische Laufbahn als Graffiti- und Street-Art-Künstler. "Independence" war ihre Motivation, im öffentlichen Raum Kunst von der Straße nahezubringen, unabhängig von Bestimmern, was Kunst sei. Malerei etwa auf Hauswänden ist begrenzt haltbar, wird von Künstlerkollegen oder Eigentümern übermalt, ist nicht portabel, so Becherer zu den Nachteilen dieser Kunstausübung. Maltechnisch und von den Motiven her, bot ihm die Szene auf Dauer auch zu wenig Ausdruck. Ähnlich ging es den beiden anderen Ausstellern – sie traten die Flucht von der Straße ins Atelier an, entwickelten ihre "Straßenfluchten", ihren eigenen Stil, bewahrten aber ihre unabhängige Grundhaltung und werden deshalb zunehmend anerkannt. Das liegt auch daran, dass sie Themen ihrer Zeitgenossen aufgreifen und diese verstanden werden. So sagt Monllor: "Ich mache meine Arbeiten nur, aber was die Leute dazu denken, ist ihre freie Gedankenwahl."

Sie verleugnen ihren Werdegang nicht, Monllor nicht, der auf einfarbigem Grund ein Bild malt, wie einst als Sprayer auf betongrau, Krämer nicht, der im Grunde immer noch Provokation mit Humor mischt, Becherer nicht, der weiter ohne Galerist und Berater auskommen will, wie Independence-Musiker, die dafür ihre eigenen Labels kreieren. Eine äußerst sehenswerte Ausstellung zur herrschenden Kunstströmung.

Independent Art: Die Ausstellung ist geöffnet am Donnerstag, 17 bis 20 Uhr, Freitag/Samstag, 15 bis 18 Uhr, und Sonn- und Feiertag, 10 bis 13 Uhr
.

Autor: Ernst H. Bilke und Katja C. Weber