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16. August 2012
Erst kommt das Kind, dann die Ehe
Der Kreis Waldshut nimmt bei den nichtehelich geborenen Kindern mittlerweile einen Spitzenplatz ein.
WALDSHUT-TIENGEN (BZ). Was früher als Fehltritt mit Folgen oder gar als Skandal galt, ist heute auch in ländlichen Regionen ganz normal: ein nichteheliches Kind. Jedes vierte Baby, das im vergangenen Jahr im Kreis Waldshut auf die Welt kam, wurde von einer nicht verheirateten Frau geboren.
1166 Buben und Mädchen wurden 2011 am Hochrhein und im Hotzenwald geboren. Die Eltern von 330 Kindern waren bei der Geburt nicht verheiratet. Das entspricht einem Anteil von 28,3 Prozent. Der Kreis Waldshut steht damit an fünfter Stelle im Südwesten. Dies geht aus einer jetzt veröffentlichten Erhebung des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg hervor.Spitzenreiter ist die Stadt Freiburg. In der Universitätsstadt waren knapp 34 Prozent der Eltern bei der Geburt ihres Kindes nicht verheiratet. Der Anteil im Kreis Böblingen ist dagegen nur halb so hoch. Das hat offenbar Tradition: Schon 1990 hatte der Kreis Böblingen die geringste, die Stadt Freiburg die mit Abstand höchste Quote. Vor fünf Jahren lag der Anteil der nicht ehelich geborenen Kinder im Kreis Waldshut bei 25 Prozent. Die regionalen Unterschiede schrumpfen, für die Statistiker ist dies ein Beleg dafür, dass sich Lebensstile von Stadt und Land anpassen. Ein klares Stadt-Land-Gefälle gebe es nicht, auch wenn Kinder von ledigen Frauen in Kreisen mit Hochschulstandorten überrepräsentiert seien.
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In Baden-Württemberg sind im vergangenen Jahr 88 823 Kinder geboren worden. Darunter waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes 20 424 Kinder ( 23 Prozent), deren Eltern zum Zeitpunkt ihrer Geburt nicht miteinander verheiratet waren. Damit hat sich der Anteil nichtehelicher Kinder gegenüber 1995 mehr als verdoppelt.
Erklärt wird diese Entwicklung unter anderem mit der gewachsenen Toleranz und der geänderten Rollenverteilung von Männern und Frauen. Bis 1970 haben in Deutschland die Eltern die Vormundschaft an das Jugendamt verloren, wenn sie nicht verheiratet waren. Und bis 1998 kam ein Amtspfleger vorbei, der in der vermeintlich wilden Familie nach dem Rechten schaute.
Entscheidend für die gesunkene Heiratslust dürfte aber auch die bessere Ausbildung der Frauen sein. Wenn die Frauen selbst für ihren Unterhalt und den ihrer Kinder aufkommen können, können sie sich auch ohne das Plazet des Standesbeamten oder den Segen der Kirche für Kinder entscheiden. Der Anteil der nichtehelich Geborenen ist nach den Recherchen der Statistiker in den Kreisen größer, in denen die Erwerbsbeteiligung der Frauen relativ nahe an die der Männer heranreicht. Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen dem Anteil nichtehelich Geborener und dem Anteil der Akademikerinnen bei den Beschäftigten.
Der Trend hin zu einem immer höheren Anteil von nichtehelichen geborenen Kindern ist nach Angaben der Statistiker auch darauf zurückzuführen, dass neben der Ehe auch andere Lebensformen stetig an Bedeutung gewinnen.
So ist in Baden-Württemberg nur die Hälfte der 30- bis 40-Jährigen verheiratet, 1980 lag dieser Anteil noch bei fast 80 Prozent. Das durchschnittliche Heiratsalter von ledigen Männern liegt inzwischen bei mehr als 33 Jahren – gegenüber gut 25 Jahren noch im Jahr 1975. Die Frauen waren im Durchschnitt nicht mehr 23, sondern gut 30 Jahre alt.
Am Ansehen der Institution Ehe hat diese Entwicklung aber nichts geändert. Wer eine Familie gründet, denkt früher oder später an Heirat. Hieß es früher: Verliebt, verlobt, verheiratet, Familie gegründet, so wurde kommt jetzt erst der Nachwuchs zur Welt und dann wird geheiratet. Die Statistiker können belegen, dass die Zahl der Heiraten, in der die Kinder ihre Eltern zum Standesamt oder vor den Traualtar begleiten, deutlich gestiegen ist. Immerhin 18 Prozent der frisch Vermählten brachten gemeinsame Kinder mit zum Standesamt. Während die Zahl der Eheschließungen zwischen 1990 und 2010 um ein Fünftel gesunken ist, hat sich die Zahl der Heiraten mit gemeinsamen Kindern mehr als verdoppelt.
Und die Hälfte aller nicht ehelich geborenen Kinder kamen zwischen 2000 und 2010 durch die Heirat ihrer Eltern in eine eheliche Familie. Ob dies mit dem Sorgerecht zusammenhängt oder sehr persönliche Gründe hat, diese Frage kann die Statistik aber nicht beantworten.
Auch wenn sich die Trends anpassen, die Tradition hat einen großen Stellenwert: Verglichen mit den anderen Bundesländern hat Baden-Württemberg weiterhin den geringsten Wert. Die höchsten Anteile an nichtehelichen Geburten gibt es in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, in denen zwei von drei Kindern von nicht verheirateten Frauen geboren werden.
Autor: bz





