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22. Juli 2010

Führung durchs jüdische Ettenheim

Margret Oehlhoff zeigt Interessierten die Spuren jüdischen Lebens und erzählt von den eigenen Recherchen zur jüdischen Geschichte.

  1. Jüdische Spuren in Ettenheim suchten die Teilnehmer einer Führung mit Margret Oelhoff. Foto: Erika Sieberts

ETTENHEIM. Jüdisches Leben in Ettenheim ist kürzlich durch das Setzen der "Stolpersteine" wieder ins Bewusstsein gelangt. In Ettenheim haben eine Handvoll Menschen in den 1980er Jahren damit angefangen, sich mit den Ettenheimer Juden zu beschäftigen, wer sie waren und ob welche von ihnen den Holocaust überlebt haben. Unter ihnen befand sich auch Margret Oelhoff, die vergangene Woche eine Stadtführung durch das jüdische Ettenheim angeboten hat.

Es sei ein langer Weg gewesen, bis es erste Informationen über Ettenheimer Juden gab, sagte sie vor 15 Zuhörern im Palais Rohan. Bereits als Kind habe sie sich interessiert, warum über dem Haus Blank (jetzt Rathaus) "Forsch" geschrieben stand und warum das Haus, in dem sich heute Fahrrad Schulz befindet, lange Zeit mit "Lion" betitelt war, obwohl niemand namens Forsch oder Lion dort wohnte. "Das wissen wir nicht", sei die lakonische Antwort aller gewesen, die sie danach fragte, erzählt Oelhoff.

Es wurde lange geschwiegen, auch in der Schule sprach niemand über die jüdische Vergangenheit, sagt die 63-jährige. Einen Anstoß für intensivere Recherchen habe ihre erste Reise nach Israel gegeben, die sie mit dem Deutsch-Israelischer Arbeitskreis 1980 machte. Bevor sie sich ein Jahr später noch einmal auf die Reise begab, half ein Zufall, eine konkrete Adresse aufzusuchen. Bei einem Krankenbesuch in Ettenheim erfuhr Oelhoff von einer "Julia" – Judith Shapira – die in Haifa wohnen sollte. Und tatsächlich führte die besagte Frau dort eine Kaffeerösterei und war sichtlich betroffen, als Ettenheimer in ihren Laden kamen.

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Von dort aus entspann sich ein Netz aus Adressen, das vor allem von "Sigger" – Sigmund Lion – genährt wurde. Der inzwischen in Paris wohnende Sohn der aus der Friedrichstraße 6 verzogenen Julia Lion, die 1940 im Lager Gurs starb und für die kürzlich ein Stolperstein ins Pflaster gelegt wurde, kannte einige Juden, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren.

Bald hatten die Ettenheimer Geschichtsforscher Adressen von Juden in Uruguay, Argentinien, Philadelphia, der Schweiz, Offenburg und Kreuzlingen. Die lokalen Historiker erarbeiteten ein Gedenkbuch, das Margret Oelhoff an die überlebenden Juden verschickt hat. "Besser gesagt, ich durfte es verschicken und so auch die Reaktionen erleben, die sehr herzlich waren", erinnert sich Oelhoff. 1988, als die Stadt die ehemaligen jüdischen Bürger Ettenheims eingeladen hatte, hat Dieter Weis für einen weiteren Höhepunkt in der örtlichen Geschichtsforschung gesorgt: "Er wusste, dass der Toravorhang aus der ehemaligen Synagoge auf dem Speicher des Rathauses lag", sagte Margret Oelhoff. "Die Gäste haben sich gefreut, den bestickten Samtvorhang im Ratssaal zu sehen." Inzwischen hängt der restaurierte Toravorhang hinter Glas im Sitzungssaal des Palais Rohan.

Margret Oelhoff führte die Gruppe zu den Stätten jüdischer Vergangenheit in der Stadt, vom neu geschaffenen Gedenkstein der St. Landolin-Schüler vor dem Rathaus zu den beiden ehemaligen Lion-Häusern in der Friedrichstraße, der Zunftgasse und der Berggasse zur ehemaligen Synagoge in der Alleestraße, die 1881 eingeweiht und in der Pogromnacht von 9. auf den 10. November des Jahres 1938 geschändet worden war. Das Pogrom, die organisierte Massenausschreitung, sei in Ettenheim besonders heftig gewesen, sagte Margret Oelhoff. Lehrer, Schüler, Arbeiter und Bürger hätten sich am Rathaus versammelt und zunächst im Haus Forsch gewütet, wo sie Betten, Kleider und Einrichtungsgegenstände aus dem Fenster geworfen hätten.

Alle jüdischen Männer seien morgens um fünf Uhr über Altdorf nach Kippenheim getrieben worden, wo sie auf Transportern nach Lahr und von dort nach Dachau verladen wurden. Zwei jüdische Schüler von damals, Hedi Epstein und Hans Durlacher, mussten in der Schule bleiben, während draußen der aufgebrachte Mob jüdische Häuser verwüstete und von Ettenheim nach Altdorf und schließlich nach Schmieheim zog, wo er von den dortigen Bürgern gestoppt wurde: "Ihr kommt hier nicht rein", sollen die Schmieheimer, damals mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von mehr als 50 Prozent, dagegen gehalten haben.

Aufgeschreckt durch die Wucht der Pogromnacht seien die meisten Juden aus Ettenheim, zunächst zu Verwandten und Bekannten geflohen. So weit die Ergebnisse der Ettenheimer Geschichtsforscher, die sechs Stolpersteine vom Kölner Künstler Gunter Demnig anfertigen ließen. Drei davon sollen nach dem Willen des Gemeinderats erst verlegt werden, wenn die heutigen Bewohner der Häuser damit einverstanden sind.

Info: Historischer Verein Mittelbaden (Hrsg.): Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden 1938 bis 1988. Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier. Ettenheim, 1997 (2. Auflage), 487 Seiten.

Autor: eri