Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. März 2014 00:00 Uhr

Podiumsdiskussion

"Tatort Stadion": Rassismus, Diskriminierung, Homophobie

"Der Widerstand muss von unten kommen": Eine Podiumsdiskussion in der Freiburger Uni über Rassismus, Diskriminierung und Homophobie im Fußball.

  1. Nicht immer astrein: Fußballfans Foto: afp

FREIBURG. Der Konsens war schnell gefunden: Homophobe Sprüche sind im höchsten Grad diskriminierend und deshalb menschenverachtend. Egal, in welchem Zusammenhang sie gebraucht werden, und auch egal wo. Auch nicht im Fußballstadion. Doch dort, der ständige Besucher weiß das, ist es mit der Contenance der Besucher mitunter nicht so weit her. Fußball polarisiert, weckt Emotionen – und manchmal noch mehr. Bis hin zur körperlichen Auseinandersetzung.

Die Diskussionsrunde, die sich am Mittwochabend im Rahmen der internationalen Woche gegen Rassismus und der Ausstellung "Tatort Stadion" (zu sehen in der Volkshochschule Freiburg noch bis 21. März) in der Freiburger Uni zusammenfand, hatte zahlreiche Beispiele für unbotmäßiges Verhalten von Fußballanhängern parat. Insbesondere Rassismus scheint auf den Rängen alltäglich, die Diskriminierung fremdländischer, vor allem farbiger Spieler – und das in einem zunehmend postnationalen Zeitalter. Christoph Ruf, Buchautor und freier Journalist, legt jedoch wert auf die Tatsache, dass die Stimmung in den drei höchsten deutschen Spielklassen von wenigen Ausnahmen abgesehen gut und fair sei.

Werbung


Die Problemzone sind vielmehr die tieferen Spielklassen. Dort, wo keine Zäune ums Spielfeld stehen, keine Polizei vor Ort ist, wo das Spiel noch anarchische Züge trägt. Ferruh Yildiz, Vorstand des Freiburger Klubs Türk Gücü, war einst in Hartheim der einzige ausländische Spieler im Team. Angenehm und kollegial hat er die Zeit in Erinnerung. Als er mit Türk Gücü Jahre später wieder einmal dort zu Gast war, hallten seiner neuen Mannschaft jedoch Sprüche wie "schwule Türken" und "schwule Migranten" in den Ohren. Ohne dass von irgendeiner Seite eingegriffen wurde. Für Soziologieprofessorin Nina Degele ist das nichts Neues: "In den niederen und auch nicht organisierten Klassen geht es aller Erfahrung nach am schlimmsten zu."

Doch was dagegen tun, wenn alle Appelle nichts helfen? Patrick Amann, ein szenekundiger Polizeibeamter, zuckte nur mit den Schultern, als er auf einen möglichen Polizeieinsatz angesprochen wurde. Gemäß dem Motto: Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Gerade bei rassistischen Gesängen, über die sich viele Besucher zwar aufregen, notorische Vorsänger aber nicht zur Anzeige bringen. Dazu kommt, dass sich die Polizei nicht in dichtbepackte Fanblocks vorwagt – zu risikoreich ist solches Handeln; "da sehen wir alt aus". Und auf Denunziation zu setzen, wie es in England üblich ist? Nein, davon hält Amann nichts.

Der Journalist und Autor Jan Tölva sieht eine Diskrepanz zwischen dem Verhalten bestimmter Fans und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Besucher, die sich trauten, gegnerische Mannschaften mit Rufen wie "zickzack Zigeunerpack" zu empfangen, sind für ihn "gewaltbereite Fans" und viel schlimmer als jene, die Bengalos in den Kurven abbrennen. Was einige der rund 150 Besucher zu Beifall animiert. Tölva hält es deshalb für vollkommen überzogen, die Zündler zu verfolgen, die Schreier aber zu ignorieren.

Sowohl Tölva als auch Ruf, die für Recherchen tief in die Szene eingedrungen sind, wissen aber auch zu berichten, dass viele Gruppierungen der Ultra-Bewegung aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorgehen. Die Kurve reinigt sich quasi selbst. Politisch gleichwohl ist die Spannbreite groß. Es gibt, wie zum Beispiel beim FC St. Pauli, eine linksliberal verortete Szene, bei Alemannia Aachen dagegen sind viele der Fans ganz rechts außen beheimatet.

Doch wo fängt Rassismus und Diskriminierung an, hört fußballspezifisches Fangebrüll auf? Die vom Freiburger Gastronomen und Autor Carmelo Policicchio an der langen Leine geführte Diskussionsrunde war sich darin einig, dass auch von vielen Stadionbesuchern tolerierte und mit Schenkelklopfen goutierte Gesänge wie "zieht den Schwaben die Spätzle aus dem A..." viel Diskriminierungspotenzial in sich tragen. "Das ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", so Nina Degele. Da müsse der Protest, der Widerstand, von unten kommen – sprich von der großen, schweigenden Mehrheit des Publikums.

Wie gut, dass es bei dieser Problematik auch positive Aspekte gibt. Andreas Steiert von der Fußballschule des SC Freiburg wusste zu berichten, dass im Mösle Spieler aus allen fünf Kontinenten beheimatet seien. Und alles laufe reibungslos. Würde ein Spieler durch rassistische oder sonstige herabwürdigende Äußerungen auffällig, wäre dies für den SC ein Ausschlussgrund. Talent hin oder her. So mancher wünschte sich wohl, dies wäre in Stadien oder auf Kickplätzen ähnlich.

Autor: Michael Dörfler