"Die WM-Freude lenkt ein bisschen vom politischen Chaos ab"

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mi, 11. Juli 2018

Kreisliga Schwarzwald

BZ-INTERVIEW mit Fußballtrainer Zeljko Cosic vom FC Lenzkirch, der heute als Urlauber in seiner kroatischen Heimat mit dem Team um Luka Modric mitfiebert.

FUSSBALL (jb). Zeljko Cosic ist Fußballer aus Leidenschaft und seit Jahrzehnten im Schwarzwald verwurzelt. Sein Herz hängt an Freunden und Familie in seiner Heimat Kroatien. Cosic ist zurzeit an der Dalmatinischen Küste im Urlaub und fiebert mit dem kroatischen Team mit, das am Mittwochabend gegen England den Sprung ins WM-Finale schaffen kann. BZ-Redakteur Johannes Bachmann erwischte Cosic telefonisch am Strand und sprach mit dem FCL-Coach über Fußball-Euphorie.

BZ: Sie sind Trainer des FC Lenzkirch. Aber Ihr Herz gehört im Moment einem ganz anderen Team.

Cosic: Oh ja, zumindest das, was noch übrig geblieben ist von meinem Herzen nach diesen nervenaufreibenden Spielen gegen Dänemark und Russland. Ich bin Kroate mit Leib und Seele.

BZ: Wie stolz sind Sie und Kroatien?

Cosic: Ich bin im Moment in der Nähe von Split in Urlaub. Unten ist der Strand und zehn Kilometer dahinter die großen Berge. Es ist aufregend, vor Ort mitzuerleben, wie der WM-Auftritt die Menschen hier bewegt, wie hier gefeiert wird und ein ganzes Land hinter dieser Mannschaft steht. Ich hab’ ja schon die EM in Frankreich verfolgt, als ich bei den Spielen der Kroaten im Stadion war. Damals haben die Kroaten auch einen supertollen Fußball gespielt. Aber das Team ist nie weit in einem Turnier nach vorne gekommen. Diesmal ist das Glück auf unserer Seite. Ich hoffe, Kroatien wird diesmal belohnt.

BZ: Wie haben Sie das Elfmeterschießen miterlebt, das Kroatien im Viertelfinal-Krimi mit 6:5 gegen Russland gewinnen konnte?

Cosic: Das war schon gegen Dänemark irre. Beide Elfmeterschießen wurden mit dem letzten Schuss durch Rakitic entschieden. Das war eine nervenzerfetzende Spannung bis zum allerletzten Moment.

BZ: Konnten Sie bis zum Schluss richtig hingucken?

Cosic: Ja, mit Mühe. Ich bin regelrecht zusammengesackt, als die Russen in der Verlängerung in der 116. Minute das 2:2 erzielt haben. Die hatten danach einen psychologischen Vorteil. Da war ich baff. Und fertig. Aber alles hat sich zum Guten gewendet.

BZ: Was zeichnet die kroatische Mannschaft aus, die in Luka Modric einen Weltklassestar hat, der sich, anders als Ronaldo bei den Portugiesen und Neymar im Team der Brasilianer, wohltuend zurücknimmt?

Cosic: Modric ist ein absoluter Anführer. Hier in Kroatien werden Videos aus der Kabine gezeigt, in denen zu sehen ist, wie er die Mannschaft aufrüttelt und wie alle zu diesem schmächtigen Mann aufschauen, der jetzt ein ganzes Land bewegt. Das traut man so einem kleinen Kerl gar nicht zu. Vor zehn Jahren wollte ihn keiner haben, heute ist Luka Modric einer der besten Mittelfeldspieler der Welt.

BZ: Kroatien ist klein. Was bedeutet die WM für die 4,2 Millionen Einwohner?

Cosic: Die WM-Erfolge der Nationalmannschaft sind für viele Kroaten eine große positive Ablenkung vom Alltag. Das Land ist reich, aber der Reichtum ist nicht richtig verteilt. In den Kriegsgebieten ist noch vieles nicht wieder aufgebaut, die Infrastruktur ist stark verbesserungswürdig, viele Kroaten wandern aus den ärmeren Landesteilen aus und arbeiten in Deutschland oder Irland. Die WM-Freude lenkt ein bisschen vom politischen Chaos in Kroatien ab.

BZ: Heute kann Kroatien Geschichte schreiben, im Halbfinale gegen England. Warum gewinnt Kroatien?

Cosic: Kroatien gewinnt, weil die Mannschaft endlich auf einen Gegner trifft, der wirklich Fußball spielt und nicht zwei Autobusse quer vor dem Tor parkt. Die Engländer sind ein Team, das mitspielen will und mitspielen kann. Das lieben wir Kroaten. Wir haben ein etwas älteres Team und damit mehr Erfahrung als die Engländer.

BZ: Wagen Sie einen Tipp?

Cosic: Es wird ein enges Spiel mit einem Tor Unterschied. Es wird ein 1:0, nein es wird ein 2:1-Sieg für Kroatien in der Verlängerung.

BZ: Wo werden Sie das Spiel verfolgen?

Cosic: Ich werde mich das erste Mal mitten ins Getümmel stürzen und beim Public Viewing unter freiem Himmel in der Altstadt von Makarska auf dem Marktplatz dabei sein. Da wird richtig die Post abgehen.

BZ: Wer wird am Sonntag Fußball-Weltmeister?

Cosic: Da ist natürlich diese große Hoffnung, die meine Landsleute und ich teilen. Ist doch klar, oder? Ich wünsche mir, dass Kroatien Weltmeister wird.