Leitartikel

Fall Birnau: Viel Energie zu spät entfaltet

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Mo, 02. August 2010 um 20:52 Uhr

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Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten: Vieles, was das Bistum in der Vergangenheit zum Fall Birnau verlauten ließ, hielt der Überprüfung nicht stand oder entpuppte sich als belanglos. Statt selbst Transparenz herzustellen, setzte die Diözese auf Verteidigung.

Zur Aufklärung in der Sache hat die Diözese wenig beigetragen, lieber investierte man sein Hirnschmalz in Begründungen, warum Freiburg nicht zuständig sei. Das war ein Fehler: Am Montag berichtete auch der Spiegel über den Fall – und das Ordinariat muss aufpassen, dass es nicht durch Nachlässigkeiten den Vorsitzenden der Bischofskonferenz beschädigt.

Ganz am Anfang hieß es, der des Kindesmissbrauchs beschuldigte Pater Gregor M. habe sich seit 1968 nicht mehr in Deutschland aufgehalten. Das wurde widerlegt. Dann räumte das Ordinariat ein, es gebe "Hinweise", dass er von 1987 an wieder zum Kloster Birnau gehörte – der Geistliche hatte ordentlich im Adressverzeichnis der Erzdiözese gestanden. In der Gemeinde gewirkt habe er allenfalls aushilfsweise, war man sich nun im Bistum sicher. Die BZ wies nach, dass er fünf Jahre lang den Ort Deisendorf betreute.

Immer noch kein Problem für das Ordinariat: Dort wurde fürderhin unterschieden zwischen Tätigkeiten "in" der Diözese und "für" dieselbe. Erstaunlich genug, dass man sich für Priester, die "in" der Diözese Gläubige missbrauchen, nur halbherzig interessiert. Das Bistum will nur den offiziellen Pfarrkurator verantworten, nicht aber die von diesem eingesetzten Patres. Der Kurator überlässt in Birnau seit Jahrzehnten die Seelsorge zu großen Teilen seinen Mitbrüdern – Pater Gregor war nicht anders tätig als seine Vorgänger und Nachfolger auch.

Hätte man in den vergangenen Monaten im Ordinariat nur halb so viel Energie in Nachforschungen investiert wie in juristische Erbsenzählerei, dann hätte man all das wissen können. Statt selbst die versprochene Transparenz herzustellen, setzte die Diözese aber auf Verteidigung. Auch der Versuch, den kompletten Fall beim Abt des Mutterklosters zu entsorgen ("Dieser trägt die alleinige Verantwortung"), gehört dazu. Pater M. war zweimal im Rahmen des Üblichen für die Diözese tätig. Für die Bearbeitung tatsächlicher und vermuteter Missbrauchsfälle an seinen Gläubigen war der Bischof zuständig – zusammen mit dem Abt, aber die Verfahrenshoheit lag in Freiburg.

Wäre das Bistum dieser Verantwortung gerecht geworden, als ihm der Fall gemeldet wurde, hätte der Täter nie bis 2010 Pfarradministrator bleiben können. Das Opfer müsste sich seine Wahrheit nicht bis heute selbst zusammensuchen. Und auf den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz fiele weniger Schatten. Der ist auch schmerzlich für all jene, die glauben wollen, dass es ihm ernst ist mit dem Willen zum neuen Anfang.

Erzbischof Zollitsch hat die deutschen Bischöfe auf einen Kurs eingeschworen, der Demut, rückhaltlose Aufklärung und die Sorge ums Opfer über die kurzfristigen Interessen der Institution stellen will. Schon im Fall Oberharmersbach wurde aber Wesentliches erst publik, als es nicht mehr anders ging. Das selbstkritische Interview des Freiburger Erzbischofs in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien just einen Tag, bevor Report Mainz die darin enthüllten Dinge ohnehin öffentlich machte.

Nun erweckt auch der Fall Birnau den Eindruck, das Denken in Zollitschs eigener Diözese sei vor allem strategisch geprägt. Das muss nicht die Schuld des Erzbischofs sein. Da er aber am Ende die Verantwortung trägt, sollte er den Kurs seiner Berater bald hinterfragen.

Wo sich schuldig und mitschuldig Gewordene zur Wahrheit bekennen, zeigen Opfer oft hohe Vergebungsbereitschaft. Wahrheit, die gegen Widerstände ans Licht gezerrt wird, hinterlässt neue Verletzungen, kann aber immer noch der Versöhnung dienen. Nur wo die Wahrheitssuche unterbleibt, da wird auch Vergebung zum frömmelnden Wunsch.

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