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11. August 2010

Familiennachwuchs für einen Monat

Die achtjährige Tatjana Yunchiz aus Weißrussland ist zu Gast bei Melanie und Thomas Wiese / Projekt Zukunft für Ritschow.

  1. Tatjana Yunchiz (zweite von links) fühlt sich bei ihren Gasteltern Melanie und Thomas sowie den Kindern Lena und Jule in Grafenhausen gut aufgehoben. Foto: Wilfried Dieckmann

GRAFENHAUSEN. Derzeit sind 32 Kinder aus Weißrussland auf Erholungsurlaub im Landkreis Waldshut. Es sind Kinder, die aus einer von der Atomkatastrophe betroffenen Region bei Tschernobyl stammen und bei Gasteltern untergebracht sind. Die achtjährige Tatjana Yunchiz wurde von Melanie und Thomas Wiese aus Grafenhausen aufgenommen: "Bei dem Projekt Zukunft für Ritschow können wir uns aktiv an der Hilfe beteiligen", so die Gasteltern im Gespräch mit der BZ.

"Zukunft für Ritschow - Leben nach Tschernobyl in der Region Gomel/Belarus e.V", so nennt sich der Verein aus Albbruck, der unter Leitung der Vereinsvorsitzenden Hedi Müller für die betroffenen Kinder aus Weißrussland Erholungsaufenthalte im Landkreis Waldshut organisiert. Der Verein engagiert sich insbesondere für Menschen im Dorf Ritschow, weil diese ländlich geprägte Region die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe nicht allein bewältigen kann. Nachdem das Kernkraftwerk im April 1986 außer Kontrolle geriet, zerstörten zwei Explosionen Reaktor und Maschinenraum. Rund acht Tonnen plutoniumhaltiger, radioaktiver Treibstoff wurde in die Luft geschleudert, rund 35 Prozent der radioaktiven Strahlung ging unmittelbar in der Region Gomel nieder. In diesem Gebiet leben heute laut Untersuchungen rund eine halbe Million Kinder, die krank sind. Das Immunsystem der Betroffenen ist durch die mit der Nahrung aufgenommene Verstrahlung erheblich geschädigt. Am Schluss dieser fatalen Kette steht ein zehnmal höherer Anteil von Krebserkrankungen als in unbelasteten Gebieten. "Tatsachen, die mir lange nachgingen", betonte Melanie Wiese. Somit haben sich die heutigen Gasteltern mit dem Hilfsverein näher befasst und kamen ohne Wenn und Aber zu dem Schluss, dass sie sich so direkt an einer Hilfsaktion beteiligen können, bei der die investierte Hilfe auch unmittelbar und ohne Abzüge bei den Betroffenen ankommt.

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Zwischenzeitlich lebt die achtjährige Tatjana bereits drei Wochen in Grafenhausen: "Es klappt gut, insbesondere durch unsere Kinder Lena (6 Jahre) und Jule (4 Jahre)", freut sich Melanie Wiese. Der Familiennachwuchs auf Zeit hat sich im Hause Hösl gut eingelebt: Es ist nach den Worten der Gasteltern auch wichtig, dass die Großeltern im Haus auch hinter der Entscheidung stehen."Zwischenzeitlich kann Tatjana in Deutsch bis zehn zählen", freute sich Waldemar Hösl. Die befürchteten Probleme mit der Sprache sind nicht eingetreten. "Die Verständigung ging von Tag zu Tag besser", meinte Melanie Wiese. Auch wenn es eine hohe Verantwortung beinhaltet, die Gasteltern haben die Entscheidung nicht bereut. Im Gegenteil: "Wir würden es wieder tun", so Thomas und Melanie Wiese.

Es kann nach Untersuchungen davon ausgegangen werden, dass sich der Gesundheitszustand der Kinder bei dem vierwöchigen Aufenthalt um rund 50 Prozent verbessert. Auch Tatjana kommt nach den Worten der Gasteltern aus einer verseuchten Region. Und die Achtjährige hat nach Angaben von Wiese noch Glück, dass sie in einer Stadt leben kann. Auf dem Land seien die Lebensbedingungen, angesichts oft fehlender sanitärer Einrichtungen, noch dramatischer. Tatjana habe die rund 30-stündige Busfahrt in den Landkreis Waldshut recht gut überstanden und bisher auch noch kein Heimweh gehabt. "Sie hat einmal in der Woche telefonischen Kontakt mit den Eltern", berichtet Melanie Wiese. Als erfreulich bezeichnete sie auch die Betreuung durch den organisierenden Verein.

"Im Tagesablauf ist es wie mit einem dritten Kind"

Melanie Wiese
Im ganzen Landkreis haben sich Ärzte und Zahnärzte sowie weitere Organisationen wie das DRK bereiterklärt, die Kinder aus Weißrussland kostenlos medizinisch zu betreuen. Hier zeigt sich deutlich, dass sich der Verein nicht nur auf die Überweisung von Spendengeldern beschränkt. Bei zahlreichen Besuchen vor Ort haben Vereinsmitglieder die Lebensumstände der Menschen in der Region Tschernobyl kennengelernt und daraus ein "nachhaltig wirkendes, ganzheitliches Konzept" entwickelt. Wichtig ist bei dem Aufenthalt in den Gastfamilien, dass die Kinder, obwohl sie im ganzen Landkreis untergebracht sind, regelmäßigen Kontakt mit den anderen Kindern haben. So haben die Landfrauen aus Unteralpfen die Kinder zu einem Tagesausflug mit Lamawanderung, Mühlenbesichtigung, Basteln und Spielen eingeladen. Weiterhin wurde ein Fußballspiel in Dogern oder ein Besuch auf der Insel Mainau, ein Tanznachmittag oder ein Waldtag organisiert. Am letzten Sonntag fand in Albbruck in der Leiterbachhalle ein sogenanntes Familienfest statt. Ein Tag, der nicht nur für die "belarussischen Gäste", sondern auch für die Gasteltern ein kleiner Höhepunkt der Aktion darstellt. Es ist nämlich eine gute Gelegenheit, die gemachten Erfahrungen in den Familien auszutauschen. Am Donnerstag ist noch eine Fahrt in die Schweiz an den Trübsee geplant. Als Höhepunkt kann wohl die Gondelfahrt zur Gerschnialp mit Bergblumenpfad angesehen werden.

Am Samstag heißt es dann Abschied nehmen, die Kinder werden die lange Fahrt in die Heimat antreten. Melanie und Thomas Hösl wollen sich auch weiterhin darum bemühen, den Kontakt mit Tatjana zu halten: "Im Tagesablauf ist es wie mit einem dritten Kind", betonte Melanie Wiese.

Autor: Wilfried Dieckmann