Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. November 2013 19:51 Uhr

Planung

Fessenheim: Schutzzone um Akw nach wie vor nicht ausgeweitet

Spätestens seit Fukushima wissen Fachleute, dass die Zonen für den Katastrophenschutz um das Akw Fessenheim nicht ausreichen. An eine Ausweitung ist zwar gedacht – doch seit zwei Jahren tritt die Planung auf der Stelle.

  1. Reicht bei einem Atomunfall die Schutzzone von zehn Kilometer Radius um Fessenheim? Foto: dapd

Am Donnerstag werden in Fessenheim die Sirenen heulen, und Fahrzeuge mit Blaulicht fahren am Rhein hin und her. Aber das ist kein tatsächlicher Atomunfall, sondern nur eine große Katastrophenschutzübung. Für die Menschen besteht keine Gefahr. Was geschieht aber im Ernstfall? Spätestens seit Fukushima wissen die Fachleute, dass die bisherigen Zonen für den Katastrophenschutz nicht ausreichen. An eine Ausweitung ist zwar gedacht – doch seit zwei Jahren tritt die Planung auf der Stelle.

Der Störfall im Atomkraftwerk ist nur angenommen. Wie das Katastrophenszenario aussieht, erfahren die Teilnehmer an der Übung erst am Donnerstagmorgen. Aber eines ist gewiss: Auf deutscher Seite passiert nur in den Büros des Regierungspräsidiums, der Landratsämter der Kreise Breisgau-Hochschwarzwald und Emmendingen, der Stadt Freiburg sowie im Landesumweltministerium etwas: Man probiert die grenzüberschreitende Kommunikation mit den französischen Nachbarn aus, die für die Übung sogar Paris zugeschaltet haben.

Experten halten Radien für zu klein

Werbung

Im Ernstfall hätte es damit nicht sein Bewenden. Der Katastrophenschutz sieht die Evakuierung einer Zentralzone von zwei Kilometer Radius um Fessenheim binnen sechs Stunden vor. Für die weitere Zone – zehn Kilometer Radius – bleiben 24 Stunden. Insgesamt wären auf deutscher Seite rund 50.000 Menschen betroffen: Sie müssten abtransportiert und außerhalb des verstrahlten Bereichs in Notunterkünften untergebracht werden.

Experten der Strahlenschutz-Kommission (SSK) halten die Radien für zu klein: Für die Zentralzone müssten fünf Kilometer verbindlich sein, die weitere Zone sollte auf 20 Kilometer ausgeweitet werden. Die Region Freiburg hält sogar einen Radius von 25 Kilometern für nötig. Dies hat sie vor mehr als zwei Jahren beschlossen. Seither denkt man im Regierungspräsidium Freiburg darüber nach, verhandelt – und ist bisher nicht weiter gekommen als zur Auffassung, dass dies die Region um das Atomkraftwerk in Fessenheim herum nicht für sich allein regeln kann. Vielmehr müsse eine landes- und bundesweite Regelung her. Das meint auch die SSK.

Hunderttausende müssten in Sicherheit gebracht werden

In einer Schutzzone mit 25 Kilometer Radius lägen nicht mehr wie bisher nur kleinere Orte, sondern neben mittelgroßen Städten wie Müllheim, Bad Krozingen oder Breisach auch der allergrößte Teil der Stadt Freiburg. Insgesamt leben fast zehn Mal so viele Menschen wie in der geltenden Schutzzone, nämlich 450.000. Im Ernstfall verlangt die Evakuierung des Gebiets also einen gewaltigen logistischen Aufwand, ganz abgesehen davon, dass niemand derzeit zu sagen wüsste, wo die halbe Million Menschen binnen eines Tages untergebracht werden sollte – unter den Bedingungen erhöhter radioaktiver Strahlung und möglicher Panik unter der Bevölkerung.

Es ist deshalb mit der Festsetzung neuer Grenzen nicht getan. Größere Schutzzonen stellten, sollten sie generell eingeführt werden, im gesamten Bundesgebiet ganz neue Herausforderungen an den vorsorglichen Katastrophenschutz, über deren Kosten heute niemand eine Aussage zu treffen vermag. Auch darin dürfte ein Grund liegen, dass man bei den Verhandlungen im Freiburger Regierungspräsidium nicht weiterkommt. "Die Komplexität des Themas", von der in einem Schreiben an den Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland die Rede ist, erschwere die Planung. Dennoch hoffe man, in der zweiten Jahreshälfte Ergebnisse der Arbeitsgruppen vorlegen zu können. Das war 2012. Ein Jahr später ist man angeblich nicht viel weiter. Doch die Innenministerkonferenz hat das Thema für ihre Sitzung Anfang Dezember zumindest auf der Tagesordnung.
Katastrophenschutz-Übung

Deutsche und Franzosen üben am Donnerstag einen Einsatz nach einem fiktiven Atomunfall im elsässischen Kernkraftwerk Fessenheim. Mehr als 200 Mitwirkende sind den Angaben nach dabei, darunter das Regierungspräsidium Freiburg. Experten aus Baden-Württemberg sollen beim Atomkraftwerk dicht an der deutschen Grenze die – fiktive – Radioaktivität messen, die durch den vermeintlichen Unfall freigesetzt wurde. Die Art des Unglücks wird erst am Tag selbst bekanntgegeben. Die Situation soll so realistisch und überraschend wie möglich sein, damit die Rettungs- und Eingreif-Teams ihre schnelle und flexible Reaktion testen können.


Derartige Übungen werden in regelmäßigen Abständen organisiert. Fessenheim ist das älteste Kraftwerk in Frankreich und seit 1977 in Betrieb. Die Regierung des sozialistischen Präsidenten François Hollande hat versprochen, die Anlage bis Ende 2016 abzuschalten.

Mehr zum Thema:

Autor: Wulf Rüskamp