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30. Dezember 2015

Verlust

Brigitte Böcherer schließt zum Jahresende ihren „Tante-Emma-Laden“ in Keppenbach

Nach der Aufgabe des „Grünen Baums“ wird zum Jahresende eine weitere Keppenbacher Institution ihre Pforte schließen: nach 42 Jahren wechselt Brigitte Böcherer in den wohlverdienten Ruhestand, schließt ihren kleinen Laden und wird eine verwaiste Ortsmitte hinterlassen.

  1. Ein bisschen wehmütig nimmt Brigitte Böcherer nach 42 Jahren zum Jahresende Abschied von ihrem kleinen Laden in Keppenbach. Foto: Sommer

Momentan kann sich Brigitte Böcherer ein Leben ohne Laden noch gar nicht so recht vorstellen. Seit sie den kleinen Tante-Emma-Laden 1972 im Ortskern von Keppenbach von ihrer Mutter übernommen hat, hat das "Geschäftle" beim "Grünen Baum" ihren ganzen Alltag geprägt.

Einen arbeitsreichen Alltag. Täglich stand sie im Laden, morgens schon vor fünf Uhr, um das Vesper an der Wursttheke vorzubereiten, abends oft bis weit nach Ladenschluss um halb sieben. In der Mittagspause dann die Arbeit zu Hause, für die Familie kochen, die Hausaufgaben der Kinder betreuen – das Übliche eben. Geschlossen wurde nur am Rosenmontag und bei Inventur. Nur eine Atempause gönnte sich Brigitte Böcherer jedes Jahr: Im Oktober machte sie zweieinhalb Wochen zu, "rund um meinen Geburtstag, das musste sein", erzählt sie. Früher kamen die Leute auch immer sonntags zum Einkaufen; damals lag das Geschäft noch hinter dem "Grünen Baum" und gehörte der Tante. Von der Tante hatte die Mutter 1962 den Laden übernommen, zehn Jahre später war die Tochter für alles verantwortlich. "Früher war das natürlich alles ganz anders, da waren immer Leute im Laden. Und dann kamen die Vertreter, man konnte sich die Waren aussuchen und wurde beliefert." Von Schreibwaren und Getränken über Lebensmittel und Kurzwaren gab es alles, was gebraucht wurde. In den besten Zeiten beschäftigte sie sogar eine Angestellte.

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Aber in den letzten Jahren wurde es für sie immer beschwerlicher. Die größere Mobilität und veränderten Konsumgewohnheiten hinterließen ihre Spuren. "Die Leute kaufen natürlich außerhalb ein, und der Laden hier ist einfach sehr klein, einen Kaffee anzubieten, dafür fehlte schon der Platz"", so Böcherer. Und das Alter, das man der heute 70-Jährigen nicht ansieht, gesundheitliche Probleme, die Einkäufe beim Großhändler, all das trug dazu bei, dass sie sich bei aller Wehmut doch auf die neue Zeit freut, auch wenn sie sich "erst einmal nichts Konkretes" vorgenommen hat. Für ihre treue Stammkundschaft dagegen wird sich alles ändern. Kein Zettel mehr zum Anschreiben, niemand, der einem den Korb auch mal ans Auto trägt, wenn man nicht gut zu Fuß ist, kein Ort mehr, um in Ruhe ein kleines Schwätzchen zu halten: ein Vakuum in der Ortsmitte, das auf absehbare Zeit wohl keiner füllen wird.

Autor: Benedikt Sommer