Drei rechts, eine links

Jürgen Schneider

Von Jürgen Schneider

Mi, 19. Juli 2017

Freiamt

In den 1920er Jahren machte sich Emil Blust in Reichenbach mit einer Strickerei selbständig.

FREIAMT. Am Sonntag, 23. Juli, geht der Heimatverein Freiamt auf Werbetour. Auf der Reichenbacher "Insel" werden 450 Jahre Mellerts Mühle gefeiert. Daran beteiligen sich die Vereinsaktiven: Hans Grafetstätter mit einer mobilen Kirchturmuhr, Werner Bühler drechselt "Hawergeißen" und es kommt eine alte Strumpfstrickmaschine zum Einsatz.

"Unter großer Anteilnahme wurde der weithin bekannte Zimmermann und Stricker Emil Blust auf dem Friedhof im Ortsteil Reichenbach beerdigt. Da Blust seinen früheren Beruf (Zimmermann) krankheitshalber nicht mehr hatte ausüben können, hatte er eine Strickerei eröffnet, die seinerzeit viele Kunden an sich zog", schrieb die Badische Zeitung Ende Februar 1973 in einem Nachruf auf den "Stricker-Emil". Vom Glasig war er 1920 in "’s Dörner-Schnieders" gezogen und hatte die Luise Bühler geheiratet.

Im Ersten Weltkrieg hatte er auf dem Balkan gekämpft und soll an Malaria erkrankt sein. Immer stärker wurden die Hustenanfälle, oft aber halt auch nach dem "Politisieren" im Lamm, und vielleicht lag’s auch am übermäßigen Tabakgenuss, so seine Tochter Waltraud. Jeden Tag musste sie nach der Schule noch ins "’s Roser-Schuhmachers" und von dort schwarzen Tabak mitbringen: "Batavia" und Blättchen zum Selberdrehen.

Wie auch immer: Als anfangs der 1920er Jahre noch die Arbeitslosigkeit hinzukam, machte sich Blust als Stricker selbstständig. Erste Fingerfertigkeiten holte er sich zunächst bei Strumpfstricker Fesenmeier in Reute, dessen Maschinen übernahm er dann, und bald surrten in der kleinen Wohnstube des idyllischen Anwesens an der Schillingerbergstraße bis zu fünf Rundstrickmaschinen. Erst 1931 wurde das Gewerbe angemeldet. Besonders als es in den Kriegsjahren über die Ramie schnell auszuführende Wehrmachtsaufträge gab, musste die ganze Familie mitarbeiten: Da strickten die Eltern, Tochter Luise und auch schon mal Sohn Erwin, und vor Mitternacht durfte meist keiner ins Bett. Bis zu acht Paar Strümpfe waren das Tagwerk pro Maschine. Anerkannt waren die Fachkenntnisse von Blust in Sachen Wolle. Damit und mit Strümpfen und Socken ging er auf den Markt. Nach Maleck, Sexau, Windenreute und bis ins Elztal hinüber suchte er seine Kundschaft. Von dort kam Gütermanns Seidenwolle, die vor allem während der größten Notjahre die Hamsterer herüberbrachten. Ansonsten wurde das Material in Heilbronn bestellt und per Post gebracht.

Drei Maschen rechts, eine links ist Standard für den gewöhnlichen Strumpf. Je nach Strickart wird an den 86 Nadeln des Zylinders horizontal oder vertikal eingefädelt, am Vorgestrickten ein Gewicht angehängt und je nach Länge ist das Rohr mit 75 bis 200 Umdrehungen in Minutenschnelle fertiggestrickt. Zeitaufwendig ist das Ab- und Zunehmen der Maschen für die Ferse, bevor es dann wieder blitzschnell den "Fürfuß" vorgeht. Von Hand muss dann nur noch die "Spitze" zusammengenäht werden.

Um 1960 wurde der Betrieb eingestellt. Eine der alten Rundstrickmaschinen bringen Waltraud Jockmann, die jüngste Tochter des Firmengründers, und ihre Nichte Rosemarie Gerber beim Jubiläumsfest in der Mühle zum Einsatz.

Info: Am Sonntag, 23. Juli, von 11 Uhr an Frühschoppenkonzert, Bewirtung durch die Motorradfreunde Reichenbach. Die Mühle kann bei laufendem Betrieb besichtigt werden, Ausstellung einer Sammlung von Stationärmotoren.