Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. September 2017

Ein Ort für Delfine und Schatztruhen

In der Kunstgruppe im Wichernhaus malen Bewohnerinnen zusammen mit der Hobbykünstlerin Silvia Mack Gemeinschaftsbilder.

  1. Sehnsucht nach dem Wasser: Seija Witt gehört zur Kunstgruppe im Wichernhaus, wo mit der Leiterin der Betreuung Sonja Stürner und der Hobbymalerin Silvia Mack (von rechts) phantasievolle Bilder entstehen. Foto: Thomas Kunz

  2. Farben gibt’s in großer Auswahl. Foto: Thomas Kunz

INNENSTADT. Im Wasser gibt’s nicht nur Fische: Tief unten auf dem Grund liegt auch eine Schatztruhe. Und eine weggeworfene Colaflasche. Auf solche Ideen kommt die Kunstgruppe im Wichernhaus. Seit fast fünf Jahren ist die Hobbymalerin Silvia Mack (49) regelmäßig dort und gestaltet mit einer wechselnden Besetzung von Bewohnerinnen – und selten Bewohnern – des Pflegeheims der Evangelischen Stadtmission bunte, phantasievolle Bilder.

Was kam diesmal neu dazu? Dorothee Montfort (96) nimmt das Wasser, die Berge, die Felsen und alles unter der Wasseroberfläche nur schemenhaft wahr: "Ich sehe heute fast nichts", sagt sie, "das muss ich wohl akzeptieren."

Sonja Stürner, die Leiterin der Betreuung im Wichernhaus, legt ihr tröstend die Hand auf die Schulter: "Das haben Sie auch bei unserem anderen Bild gesagt – und dann trotzdem eine wunderschöne rote Blume gemalt." Sie zeigt auf einen Klatschmohn bei der "Affengaudi", wo Affen auf einer saftig grünen Wiese auf Bäume klettern. Vielleicht gelingt das Dorothee Montfort auch deshalb so gut, weil ihr Vater ihr sein Talent vererbt hat: Er war Mathe- und Physiklehrer, seine Hauptleidenschaft aber sei das Malen gewesen, erzählt sie. Ihr war die Musik wichtiger, sie hat Klavier gespielt und lange im Bach-Chor gesungen. Ins Malen in der Kunstgruppe sei sie "so reingeschlittert", sagt sie. So geht’ s den meisten hier.

Werbung


Da ist Seija Witt (81) eher eine Ausnahme, denn sie hat auch früher schon gemalt. Wenn sie irgendwo sitze und ihre Umgebung betrachte, kämen ihr viele Ideen, erzählt sie: "Aber nicht immer habe ich einen Stift dabei zum Malen." In der Kunstgruppe trägt sie einen weißen Malerkittel, wie alle, die nacheinander einzeln von Silvia Mack und Sonja Stürner nach vorn zum Bild geführt oder in ihren Rollstühlen geschoben werden. Als Waltraud Raasch (79) dran ist, sind wieder besonders kreative Neuerungen angesagt – von ihr stammen auch schon die Colaflasche und die Schatzkiste: Jetzt will sie einen Fisch malen, der nicht nur im Wasser herumschwimmt, sondern den Kopf heraus in die Luft streckt. Daraus wird dann letztendlich ein Delfin. Trotz ihrer Parkinson-Erkrankung zieht Waltraud Raasch mit sicheren Linien seine Umrisse, erst mit dem Bleistift, dann zieht sie alles mit schwarzer Farbe nach und malt den Delfin in Grau aus. Sein Auge wird rot. Er macht einen großen Hüpfer aus dem Wasser heraus.

Die anderen sitzen hinter ihr und schauen zu. Silvia Mack und Sonja Stürner beziehen alle immer wieder so gut wie möglich ein, dann werden neue Einfälle auch mal diskutiert. Auch die Motive der Bilder werden gemeinsam festgelegt, viele bringen vertraute Themen aus ihrem Leben ein, zum Beispiel den Münstermarktplatz oder ein Schwarzwaldhaus. Zum Wasser-Bild kam es, weil eine Frau unbedingt Fische malen wollte, erzählt Sonja Stürner. Das passte gut, weil eine Mundenhof-Reihe geplant war, so entstand auch das Affen-Bild, das die Mundenhof-Affen aufgriff – statt des Mundenhof-Aquariums kam’s dann aber zu einem Gewässer im Freien. Wo die fertigen Werke aufgehängt werden, besprechen ebenfalls mehrere gemeinsam. Über die "Affengaudi" werde demnächst der Bewohnerbeirat entscheiden, sagt Sonja Stürner – dort engagiert sich unter anderem Waltraud Raasch. Früher waren die Gemälde riesengroß, viel größer als jetzt. Doch dann gingen die freien Flächen in den Wohnbereichen des Heims mit 107 Plätzen irgendwann zu Ende. Deshalb fallen die Gemälde inzwischen kleiner aus. Silvia Mack liebt riesige Leinwände: Ursprünglich hatte alles damit begonnen, dass sie für die "Dreisam 3"-Gemeinde der Evangelischen Stadtmission die Weihnachtskulissen gemalt hatte. Gabriele Dengler, die Frau von Ewald Dengler, dem Leiter der Evangelischen Stadtmission, fragte Silvia Mack, ob sie im Wichernhaus weitermachen wolle. Sie stimmte zu: "Denn die Kulissen hatten mir großen Spaß gemacht." Weil sie es anstrengend findet, sich gleichzeitig aufs Malen und die Betreuung der Bewohnerinnen zu konzentrieren, ist meist Sonja Stürner in der Kunstgruppe mit dabei.

Silvia Mack leitet die Gruppe ehrenamtlich, sie ist Hausfrau und Mutter und hatte beruflich nie mit Kunst zu tun. Sie nimmt an Kursen der Volkshochschule teil und gestaltet Kulissen als Mitglied der "Freien Evangelischen Gemeinde" und für die Kinder-Sommerlager der freikirchlich-evangelikalen Gemeinde "Calvary Chapel".

Autor: Anja Bochtler