Konzertreise

64 Freiburger Domsingknaben begeistern Japan mit Volksliedern

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

So, 16. September 2018 um 12:21 Uhr

Freiburg Mitte

Deutsches Liedgut kommt in Japan gut an. Das haben 64 Freiburger Domsingknaben auf ihrer drei Wochen dauernden Konzertreise erfahren. Zwei Sänger und ihr Kapellmeister erzählen.

So viele Hochhäuser: Darüber hat Vincent Rüttgardt (11) gestaunt. Nach ihrer Rückkehr wirkte Freiburg im Vergleich wie eine Stadt aus dem Mittelalter, sagt Domkapellmeister Boris Böhmann, für den es schon der zweite Japan-Trip war. Begonnen hatte diese Reisen mit den Domsingknaben sein Vorgänger Raimund Hug, dazu beigetragen hatten Kontakte der Erzdiözese und eine aus Japan stammende Sekretärin.

Doch gleichzeitig, trotz aller Modernität, fiel allen auf, wie wichtig traditionelle Riten für die Japaner sind. Das galt zum einen für offizielle Termine mit Politikern, unter anderem in Hiroshima, Kure und in Freiburgs Partnerstadt Matsuyama, bei denen eine strenge Hierarchie herrschte, erzählt Boris Böhmann. Doch man spürte das auch in den japanischen Familien, in denen die Jungs an vier der Orte übernachteten – ansonsten waren sie in Hotels: "Fast liturgisch" waren die Alltagsabläufe dort, sagt Tristan Rühle (15). Jedes Mal, wenn er einem Familienmitglied begegnete, verbeugten sie sich gegenseitig voreinander, beim Essen mussten alle stehen und warten, bis alle da waren – erst dann konnten sie sich setzen.

Verständigung mit Händen und Füßen

In den sehr sauberen Wohnungen mussten die Schuhe sofort gegen Pantoffeln getauscht werden, die Schuhe wurden mit der Spitze zum Ausgang weisend exakt hingestellt. Für die Toilette gab’s eigene Pantoffeln. Und die Toiletten waren High-Tech-Anlagen mit vielen Knöpfen und Funktionen, unter anderem mit Musik. Für die Jungs war’s spannend, diese anderen Alltagsabläufe zu entdecken. Allerdings mussten sie sich meist mit Händen und Füßen mit ihren Gastgebern verständigen: "Nur ungefähr jeder Zehnte in Japan spricht Englisch", sagt Tristan Rühle. Etwas einfacher war’s mit Jugendlichen, da war der Anteil ein bisschen höher. Obwohl unter den 18 Konzerten und Auftritten bei Gottesdiensten einige zusammen mit japanischen Schul- und Jugendchören stattfanden, hatten die Domsingknaben keinen tiefgehenderen Austausch mit Gleichaltrigen.

Die jungen japanischen Sänger und – wenigen – Sängerinnen waren ohnehin jünger als die Domsingknaben: "In Japan gibt es zurzeit nur noch zehn Knabenchöre, und die Sänger sind alle im Grundschulalter", sagt Boris Böhmann. Was ist mit den Älteren? Möglicherweise haben sie keine Zeit mehr zum Singen, vermutet er – auf jeden Fall sei das Leben sehr getaktet und noch mehr als in Deutschland von langen Arbeitszeiten, Leistungsdruck und großer Identifikation mit dem Beruf geprägt. Dazu komme, dass die deutschen Knabenchöre in den kirchlichen Rahmen gebettet seien, in Japan aber seien nur 1,5 Prozent der Bevölkerung Christen und davon nur ein Teil katholisch.

Wegen Taifunwarnungen wurde ein Konzert verschoben

Vielleicht belebe sich die japanische Knabenchorszene nun nach dem Besuch der Freiburger, überlegt der Domkapellmeister. Auf jeden Fall haben die Jungs viel gesehen und sehr unterschiedliche Eindrücke gesammelt – vom Pontifikalamt mit dem Bischof Dominicus Miyahara in der Kathedrale in Fukuoka bis zur Kranzniederlegung an der Gedenkstätte für die Opfer der amerikanischen Atombombe im August 1945 in Hiroshima.

Mit dazu gehörten auch mehrere Taifunwarnungen und die Folgen: Ein großes Konzert in Matsuyama musste um einen Tag verlegt werden, weil das öffentliche Leben in Japan komplett zum Stillstand kam. Angst aber hatten sie nie, erzählt Vincent Rüttgardt, weil ihnen alles gut geregelt vorkam. Und vom Taifun kam nur ein bisschen Wind bei ihnen an.

Seine Mutter in Freiburg habe sich trotzdem Sorgen gemacht, sagt Tristan Rühle – doch durch mehrere Elternabende im Vorgeld und einen Internet-Blog während der Reise waren die Familien der Jungs gut informiert und dadurch beruhigt. Auch musikalisch ging’s voran: Zum Repertoire der Jungs gehörten nicht nur alte deutsche Volkslieder und einiges von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), der in Japan viele Fans hat, sondern auch populäre japanische Lieder.