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02. Juli 2010
Säulen auf der Wanderschaft
Bürgerverein Stühlinger kritisiert, wo Bahnhofssäulen landeten.
STÜHLINGER. Es geht längst nicht mehr nur um sechs Säulen, die bis Ende 2000 am Hauptbahnhof standen und jetzt im neuen Biergarten "Holla die Waldfee" neben den Bahngleisen installiert sind. Die Säulen gehören dem Bürgerverein Stühlinger – und dort ist der Ärger über die Stadtverwaltung groß. Die ist ihrer Meinung nach Schuld daran, dass die Säulen auf privatem Gelände gelandet sind, ohne dass der Bürgerverein davon erfuhr. Der städtische Baureferent Norbert Schröder-Klings sagt: "Wo die Säulen stehen, stehen sie gut."
Die Geschichte, wie die gusseisernen Säulen vom Gleis 1 am Hauptbahnhof in den Biergarten kamen, ist lang und kompliziert. Sie fing im November 1999 an, als der Bürgerverein Stühlinger die mündliche Zusage der Bahn erhielt, die Säulen zu bekommen, bilanziert Jörg Ritzel vom Vorstand des Bürgervereins. Als der Bahnhof umgebaut wurde, nahm sie dann aber erst einmal die Stadtverwaltung in Verwahrung und lagerte sie im Bauhof des Tiefbauamtes. In dieser Zeit, so Ritzel, sei immer klar gewesen, dass die Säulen dem Bürgerverein gehören und einmal in dem kleinen Wäldchen direkt neben der Wiwili-Brücke stehen sollen. So war es auch im städtischen Gestaltungsplan verzeichnet. Das Wäldchen, das nun an den im Frühling eröffneten Biergarten angrenzt, ist zwar keine öffentliche Fläche, sondern Teil des "Gesamtpakets" mitsamt Kneipe und Biergarten, das der Bauunternehmer Peter Unmüßig neu gestaltet hat. Dennoch sei es als Minipark für die Bevölkerung gedacht, argumentiert der Bürgerverein – und dort sei ein passender Ort für die Säulen.Werbung
Jahrelang waren die Säulen in Vergessenheit geraten, auf Anfragen an die Stadtverwaltung zu diesem Thema habe der Bürgerverein keine Antwort bekommen, berichten Jörg Ritzel und seine Bürgervereinskollegin Roswitha Reinmuth. Dann überstürzte sich alles im vergangenen März: Unmüßig-Mitarbeiter Robert Roloff kam zum Bürgerverein, um über die Zukunft der Säulen zu diskutieren – und schon am folgenden Morgen sahen sich dessen Mitglieder vor vollendete Tatsachen gestellt. Plötzlich waren die Säulen, die vorher vom Unternehmen Unmüßig restauriert worden waren, im neuen Biergarten installiert. Jörg Ritzel schaltete sich im Auftrag des Bürgervereins als Anwalt ein, es begann eine aufwändige, aus Sicht des Bürgervereins äußerst enttäuschende Kommunikation mit der Stadtverwaltung.
Nach und nach stellte sich heraus: Der ursprüngliche Standort der Säulen im Gestaltungsplan war im darauf folgenden Freiflächengestaltungsplan verändert worden. Warum? Das sei ein alltäglicher Routinevorgang gewesen, argumentiert Norbert Schröder-Klings, veranlasst durch den Bauherrn Peter Unmüßig. Der Bürgerverein dagegen glaubt, der Bauunternehmer sei "den zwingenden Vorgaben des Freiflächengestaltungsplans der Stadt gefolgt". Peter Unmüßig ist derzeit für Anfragen nicht erreichbar, in jedem Fall bleibt aber die Frage, warum die Stadtverwaltung über die Säulen – die dem Bürgerverein versprochen waren – ohne Rücksprache entschieden hat.
Die Hintergründe seien dem städtischen Bearbeiter, der dem veränderten Plan zustimmte, nicht klar gewesen, argumentiert Norbert Schröder-Klings. Man habe nichts über das Eigentumsverhältnis gewusst: "Und es ist mir auch egal, das interessiert uns als Stadt nicht." Entscheidend sei nur, dass die Säulen an ihrem jetzigen Standort öffentlich zugänglich seien. Sie kämen dort gut zur Geltung.
Für den Bürgerverein geht es um mehr als darum, dass nun die für die Öffentlichkeit gedachten Säulen "zur Aufhübschung einer privaten Gartenwirtschaft" dienen, wie Jörg Ritzel kritisiert. Der Ärger richtet sich vor allem gegen die Art der Kommunikation mit Norbert Schröder-Klings, der laut Ritzel "mehr verschleiert als zur Aufklärung" beigetragen habe. Nun hat sich der Bürgerverein mit einem neuen Vorschlag an Peter Unmüßig gewandt, der seine Bereitschaft erklärt habe, dem Bürgerverein die Säulen zu überlassen: Er solle das Wäldchen doch der Stadt schenken, dann könnten die Säulen dort installiert werden – auf Kosten der Stadtverwaltung. Norbert Schröder-Klings findet diese Idee absurd: "Wir würden uns für das Wäldchen bedanken", sagt er ironisch, denn der Unterhalt der Fläche koste Geld: "Für uns ist das Thema erledigt."
Autor: Anja Bochtler


