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27. November 2010

Folgen der Bombennacht

Ein Bild der Verwüstung

Heute vor 66 Jahren: Der Bombenangriff auf Freiburg / Film "Freiburg 1940 bis 1950" jetzt als DVD.

  1. Über die Trümmerlandschaft zwischen Friedrichstraße und Innenstadt ging nach dem Bombenangriff von 1944 der freie Blick zum Freiburger Münster. In den 1950er Jahren war der Wiederaufbau in diesem Bereich bereits weitgehend abgeschlossen. Foto: Archiv Hans Sigmund

FREIBURG. Am 27. November werden es 66 Jahre, dass Freiburg am Ende des Zweiten Weltkrieges innerhalb von 25 Minuten fast 3000 Einwohner verlor und von 14 527 Gebäuden nur 2148 unbeschädigt blieben. Gerade das Gebiet um den jetzigen Friedrichsring wurde dabei vollkommen zerstört.

Überlebt hat den Fliegerangriff damals nur, wer gleich nach dem Bombenabwurf aus den Luftschutzkellern flüchtete und unter anderem im Colombipark im Freien die Nacht verbrachte, während über die gesamte Innenstadt der Feuersturm hinweg brauste. Auch die Landesstrafanstalt, in der bis zu 800 Häftlinge inhaftiert waren, wurde teilweise zerstört. Es ist sicher, dass rund 100 Gefangene fliehen konnten, von denen viele aber nicht das Weite suchten, sondern der ausgebombten Zivilbevölkerung im Institutsviertel noch bei den Bergungsarbeiten halfen.

Sehr schnell begannen die Aufräumarbeiten, so dass die Trümmeraufnahme von Anfang 1945 bereits wieder geräumte Straßen zeigt. Sie lässt aber auch die freie Sicht auf das Wahrzeichen Freiburgs, das fast unbeschädigte Münster, zu. Auch noch auf Fotos aus den 1950er Jahren ist der Blick durch die inzwischen neu erbauten Gebäude noch nicht ganz versperrt.

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Am Rotteckring neben dem Predigertor, stand seit dem Jahre 1233 das Dominikanerkloster. Es wurde 1783 aufgehoben und in den Jahren 1804 bis 1806 fast vollkommen abgerissen. Im erhalten gebliebenen Kreuzgang und dem Langhaus der Kirche wurde durch den Vincentius-Verein ein Krankenhaus eingerichtet. Auch dieser Teil wurde beim Bombenangriff bis auf den Westgiebel fast total zerstört. 1952 wurden die Reste abgerissen, die Badische Kommunale Landesbank (Bakola) kaufte das Grundstück und baute hierauf in den Jahren 1954 bis 1956 ihr Freiburger Bankgebäude. Nach dem Wegzug an einen anderen Standort in Freiburg erwarb im Jahre 1989 die Sparkasse Freiburg das Anwesen und nutzte es als Beratungszentrum. Inzwischen ist auch dieses Gebäude abgerissen und ein großes mehrstöckiges modernes Gebäude steht kurz vor der Vollendung. Direkt daneben, praktisch als moderner Stadtturm, entstand ein weiteres Gebäude. Hier befand sich zuvor ein Parkplatz mit unterirdischem Parkhaus.

Das Hochhaus an der Ecke Katharinen- und Friedrichstraße wurde 1955 als französische Militärkommandantur (im Volksmund "Panzerkreuzer" genannt) mit Kino und Fechtsaal fertig gestellt und ist nach dem endgültigen Wegzug der einstigen Besatzungsmacht im Jahre 1993 durch die Universität übernommen worden. Dort befinden sich jetzt unter anderem das Rektorat und die archäologische Abteilung.

"Mein Film sollte dem Beschauer zu denken geben und ihn veranlassen, alles, was in seinen Kräften steht, zu tun, damit sich Derartiges nicht wiederholt."

Rudolf Langwieler

In diesem Zusammenhang interessant ist ein Acht-Millimeter-Schmalfilm von Rudolf Langwieler mit dem Titel: "Freiburg 1940 -1950". Das Freiburger Stadtarchiv hat aus dem ruckelnden Stummfilm jetzt eine DVD gemacht, die man auch kaufen kann.

"Mein Film sollte dem Beschauer zu denken geben und ihn veranlassen, alles, was in seinen Kräften steht, zu tun, damit sich Derartiges nicht wiederholt." So beschrieb Rudolf Langwieler das Anliegen seines Films. "Es gibt nichts Vergleichbares", sagt dazu Günther Wolf, seit 1988 im Stadtarchiv für die Bildabteilung zuständig. Dem Historiker sind jedenfalls keine anderen bewegten Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus in Freiburg bekannt. Dass sie heute überhaupt zu sehen sind, verdankt sich manchem Zufall. Der 1899 in Wuppertal geborene Langwieler war 1937 nach Freiburg gekommen, um bei der Rhodiaceta als Textilingenieur zu arbeiten. Zwei Jahre später begann er zu filmen. Der Ingenieur wollte zeigen: "Das alte Freiburg war eine romantische Stadt." Dann der britische Bombenangriff am 27. November 1944 um 20 Uhr. Eine dreiviertel Stunde später filmte Langwieler vom Schlossberg aus die brennende Innenstadt. Mutig fing er in den Wochen danach auch die Trümmerlandschaften ein, was von den Nationalsozialisten unter Androhung von Strafe verboten war. Der Ingenieur hatte Glück, wurde nicht erwischt, filmte nach Kriegsende die ersten zaghaften Wiederaufbauversuche.

Fast wäre der Film, den er erst 1947 an die neu eröffneten Entwicklungslabors von Agfa nach München schicken konnte, dann doch noch verloren gegangen. Ein findiger bayerischer Postbeamter indes packte den entwickelten Film kurzerhand in ein Fresspaket für eine Freiburger Familie. Über die kam das Päckchen mit Fettflecken schließlich zu Rudolf Langwieler. Der Film war unversehrt.

Allerdings wurde er wie auch Filmkameras und Projektoren von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt, aber nach einigen Monaten durch die Vermittlung des Verwaltungsoffiziers bei der Rhodiaceta freigegeben. "Es war eine verrückte Zeit", schreibt Rudolf Langwieler in einem Begleitbrief, als er seinen Film "Freiburg 1940-1950" im Juni 1973 dem Stadtarchiv übergab. Gezeigt wurde die etwa 38-minütige Dokumentation zum ersten und für lange Zeit einzigen Mal im April 1950 in den Theater-Lichtspielen (später "Kurbel"). Die 400 Plätze waren restlos ausverkauft, der Erlös kam dem Aufbau des Stadttheaters zugute.

Zu sehen war der Stummfilm dann erst wieder 57 Jahre später beim Besuch der BZ-Ferienaktion im Stadtarchiv und bei dessen Tag der offenen Tür 2007. Jeweils live kommentiert von Günther Wolf, der nicht zuletzt dies erstaunlich findet: Der Film zeigt keine einzige Hakenkreuz-Fahne, kein einziges nationalsozialistisches Symbol. Ob das mit der Sichtweise Rudolf Langwielers, der kein NSDAP-Mitglied war, zusammenhängt oder eine Folge der französischen Zensur ist, bleibt für den Historiker trotz seiner intensiven Beschäftigung mit dem Film sowie dessen 1982 in Littenweiler gestorbenem Macher ein Rätsel.

Ausführlich hat sich Wolf mit diesem Film jetzt ein Jahr lang befasst. Er verfasste Begleittexte auf der DVD. Für die DVD wurde der Film noch mit einem Bonus versehen: Dem 14-minütigen Kulturfilm "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?", in dem der Filmemacher Wolf Hart kurz vor Kriegsbeginn 1939 einen Schornsteinfeger über den Dächern Freiburgs begleitet hat. "Zerstörung, Wiederaufbau, Alltag: Freiburg 1940-1950" heißt der alte, von Stadtarchiv und Landesfilmsammlung neu aufbereitete Film jetzt. Für Günther Wolf "die Dokumentation einer Zeit, die untergegangen ist und an die sich heute nur noch wenige Menschen erinnern können".

Die DVD ist zu kaufen zum Preis von 14,95 Euro beim Stadtarchiv in der Grünwälderstraße 15, Tel. 0761/201 2701.

Autor: Hans Sigmund und gerhard m. kirk