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13. Juni 2015

Von Ostern bis Zuckerfest

In der neuen Kindertagespflege "Sternenreiter" werden christliche und muslimische Feste gefeiert.

  1. In der neuen Tagespflegegruppe „Sternenreiter“ kommt der Spaß eindeutig nicht zu kurz. Foto: Michael Bamberger

ZÄHRINGEN. Früher war hier eine Bankfiliale, dann ein Immobilienbüro – jetzt spaziert Fabian (2) in einem Spielhäuschen herum, Emilia (3) liegt in der Kuschelecke und Momo (1) sitzt am Tisch und isst Joghurt. In den im Mai eröffneten, 200 Quadratmeter großen Räumen der Kindertagespflege "Sternenreiter" in der Zähringer Straße 30 ist viel Platz für Kinder. Das Besondere aber ist: Die Tagesmütter Daniela Brekalo (41) und Najat Zarouali (31) bieten den Kleinkindern, die sie betreuen, Einblicke sowohl in die christliche als auch die muslimische Kultur.

"Mama!", ruft Jenny (2) und rennt zu Daniela Brekalo. "Ich bin die Daniela, nicht die Mama", stellt Daniela Brekalo klar. Doch natürlich soll es familiär zugehen, damit sich die Kinder, von denen die Jüngsten ein Jahr alt sind, geborgen fühlen. Es duftet nach Kartoffeln und Zwiebeln, bald gibt’s Mittagessen: Kartoffelgratins. Morgens hat Daniela Brekalo mit den Kindern Kartoffeln geschält, jeden Tag wird alles frisch gekocht. Oft vegetarisch, aber immer ohne Schweinefleisch.

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"Wir essen halal", sagt Daniela Brekalo. "Halal" ist das arabische Wort für "erlaubt" – im Islam gilt Schweinefleisch als "unrein". Zurzeit stammen zwei Kinder aus muslimischen Familien. Es gibt sieben Ganztagsplätze, von denen sich einige zwei Kinder, die nicht ganztags oder nicht täglich kommen, teilen. Noch sind nicht alle Plätze belegt. Die zwei Tagesmütter sind flexibel und betreuen zwischen 8 und 17 Uhr. Daniela Brekalo, die in Tschechien geboren wurde und einen kroatischen Mann hat, ist Christin. Früher hat sie Geschichte, Deutsch und Latein auf Lehramt studiert, dann wurde sie Fremdsprachenkorrespondentin. Seit der Geburt ihrer ersten Tochter vor neun Jahren hat sie Ausbildungen zur Spielgruppenleiterin und Tagesmutter gemacht. Vor dreieinhalb Jahren, als ihre zweite Tochter geboren wurde, stieg sie als Tagesmutter ein. Erst war die kleine Tochter dabei, inzwischen geht sie in eine Kita.

Im Elternbeirat der Tulla-Grundschule, die ihre ältere Tochter besucht, lernte sie Najat Zarouali kennen. Sie hat drei Kinder im Alter von neun, sechs und einem Jahr und fing an, als Tagesmutter zu arbeiten, weil sich ihr früherer Beruf als Verkäuferin schwer mit den Kindern vereinbaren ließ. Ihr jüngster Sohn Momo wird nun seit Mai in der Tagespflege mitbetreut. Najat Zarouali ist Muslimin, das erste erfolgreiche Projekt, das sie mit ihrer christlichen Kollegin durchgesetzt hat, war der Einsatz für muslimischen Religionsunterricht an der Tullaschule – im Herbst wird er eingeführt. Das zweite Projekt ist die Kindertagespflege. Beide Frauen wollten nicht mehr wie bisher in ihren Wohnungen als Tagesmütter arbeiten, auch wenn die Miete der neuen Räume finanzielle Nachteile bringt. Die Betreuung kostet 6,50 Euro pro Stunde, 5,50 Euro übernimmt das Jugendamt, das Mittagessen kostet 2 Euro. Von ihrer Arbeit leben könnten sie nicht, sie sind durch die Einkommen ihrer Männer abgesichert.

Willkommen sind alle Kinder, unabhängig von ihrer Religion, feiern wollen sie alle christlichen und muslimischen Feste – von Ostern bis zum Zuckerfest. Wenn demnächst der muslimische Fastenmonat Ramadan beginnt, wollen sie den Kindern erklären, warum Najat Zarouali dann tagsüber nichts essen und trinken wird. "Wir wollen zeigen, dass das Zusammenleben klappt", sagt Daniela Brekalo – "auch wenn ich geschminkt bin und meine Kollegin ein Kopftuch trägt."

Autor: Anja Bochtler