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23. Februar 2010
Dem Winter eingeheizt
Mit dem Scheibenschlagen beenden die Narren die Fasnet – und hoffentlich die kalte Jahreszeit.
OBERAU. Nein, an diesem Abend ging zum Glück kein Haus in Flammen auf, so wie damals, vor mehr als 900 Jahren, als ein niedergebranntes Nebengebäude im Kloster Lorsch dem Scheibenschlagen seine erste urkundliche Erwähnung einbrachte. Am Sonntag traf sich die Narrenzunft der Fasnetrufer zu ihrem traditionellen Abschluss der närrischen Zeit auf dem Hirzberg im Stadtteil Oberau. Ähnliche Veranstaltungen gab’s auch in einigen anderen Stadtteilen, darunter Tiengen und St. Georgen.
"Schiebi, Schiebo, wem soll die Schiebe go?", rufen die Männer mit Narrenkappen auf dem Kopf und langen Holzstäben in den Händen. Dann ein dumpfer Schlag von Holz auf Holz, schon sucht sich die knapp neun mal neun Zentimeter große, rotglühende Buchenscheibe mit dem Loch in der Mitte ihren Weg in den nächtlichen Hirzberg-Himmel. Ein wenig erinnert es an Golfspielen: Mit einer schwungvollen Drehbewegung schlagen die geübten Zünftler auf der – Bock genannten – Holzrampe in Richtung Tal ab, nachdem sie die Scheibe, die oben auf dem Stock steckt, eine ganze Weile ins Feuer gehalten haben. "Das hier ist der einzige Ort in der Freiburger Kernstadt, wo das Scheibenschlagen noch möglich ist", erklärt Hubert Holzmann, Vizevogt der Fasnetrufer, "überall sonst ist es mittlerweile zugebaut." Und wie weit fliegen die Scheiben etwa? "Theoretisch bis zum Gasthaus Stahl unten an der Kartäuserstraße", lacht Holzmann, "es kommt halt auf die Thermik an."Werbung
Die Tradition des Scheibenschlagens oder Scheibenfeuers, wie es auch heißt, mit der die Geister des Winters ausgetrieben werden sollen, ist in Freiburg nicht ungebrochen. "Im 16. Jahrhundert wurde der Brauch in Freiburg wegen der Brandgefahr verboten", erklärt Peter Kalchthaler, aktives Mitglied der Zunft und hauptberuflich Stadthistoriker, "Mitte der 1950er Jahre fand dann Hans Jörg Weber, der Vater des heute amtierenden Zunftvogts Markus Weber, diese Verbotsurkunde und etablierte daraufhin das Scheibenschlagen als Fasnachtsbrauch in Freiburg von neuem." In den Gemeinden im Umland war es bis dahin eine Gaudi der jungen Männer, Rekruten oder Abiturienten gewesen.
Bei den Fasnetrufern darf nicht jeder die Scheibe schlagen, das bleibt den aktiven Mitgliedern vorbehalten. "Andere Zünfte machen auch ein Publikumsschlagen", sagt Kalchthaler, "aber bei uns gibt es das nicht. Einmal aus versicherungstechnischen Gründen, aber auch, weil es für uns Aktive ein besonderer Anlass ist. Hinterher sitzen wir dann noch gemütlich zusammen und lassen die vergangene Zeit Revue passieren." Zuschauer sind den Fasnetrufern natürlich trotzdem willkommen. So haben sich auch an diesem Abend rund 100 Leute an dem großen Feuer eingefunden. Mit Staunen verfolgen sie die eigenwilligen Flugbewegungen der Feuerscheiben, besonders gelungene Schläge werden mit Applaus quittiert. "Cool" findet’s auch der zehnjährige Benedikt Bleckmann, aber ob er deshalb gleich den Fasnetrufern beitritt, weiß er noch nicht so genau.
Nach einer knappen Dreiviertelstunde ist das Spektakel vorbei, Zuschauer und Zünftler sind zufrieden. "Gut sind sie geflogen", meint auch Jürgen Albrecht, "nur eine Brezzle hat’s gegeben." So werden die Fehlschläge aller Art genannt. Eigentlich ist Albrecht Kommandant der Wiehremer Freiwilligen Feuerwehr, die bei dem Ereignis ehrenamtlich die Sicherheitswache hält, doch an diesem Abend ist er ganz Fasnetrufer.
Autor: Martin Küper
