Geldstrafe fürs Fallestellen

Patrick Schliffer

Von Patrick Schliffer

Di, 04. September 2018

Freiburg

60-Jähriger verursachte in einer psychischen Ausnahmesituation den Sturz einer Radfahrerin.

FREIBURG. Indem er mit seinem Fahrrad den Bürgersteig vor seiner Einfahrt in der Basler Straße plötzlich blockierte, hat ein 60-jähriger Freiburger absichtlich den Sturz einer Radfahrerin verursacht. Das Freiburger Amtsgericht verurteilte ihn allerdings nur zu einer Geldstrafe. Der Grund dafür ist die besondere Situation des Angeklagten: Eine schwerwiegende Erkrankung und die damit verbundene seelische Belastung führten zur verminderten Strafe.

Es war am frühen Nachmittag des 21. Juli 2017, als eine Radfahrerin auf dem Bürgersteig die Basler Straße entlangfuhr. Wie aus dem Nichts schoss plötzlich ein Fahrrad aus einer Einfahrt hervor, dem die junge Frau nicht mehr ausweichen konnte. "Dann bin ich über den Lenker auf den Boden gefallen", sagte die Radfahrerin vor Gericht aus. Sie zog sich Schürfwunden an Schienbein und Ellbogen zu. Allerdings hätte der Sturz auch schlimmer ausgehen können. Um die Frage, ob der Angeklagte sein Fahrrad absichtlich auf den Gehweg geschoben hatte, ging es vor dem Schöffengericht.

"Er hat sich mit seinem Fahrrad positioniert und immer wieder um die Ecke geschaut", berichtete im Gerichtssaal eine Zeugin, die den Vorfall von ihrem Auto aus beobachtet hatte. Zwei weitere Zeuginnen beschrieben den Vorfall ebenso: "Zwei Mal hat er das schon vorher bei anderen Radfahrern versucht, und beim dritten Mal hat’s geklappt", teilte eine von ihnen immer noch sichtlich empört mit. Der 60-Jährige war den beiden Frauen bereits vorher aufgefallen, als er rasant und offenbar in gereizter Stimmung in seine Einfahrt einbog.

Eine andere Sicht der Dinge schilderte Strafverteidigerin Kerstin Oetjen: Zunächst erklärte sie, dass der Angeklagte an hohem Blutdruck und starken Herzproblemen leide. Wegen einer Arztdiagnose, die er an diesem Tag erhalten hatte und die dem Angeklagten eine geringere Lebenserwartung vorhersagte, sei der 60-Jährige "erheblich durch den Wind" gewesen. Zu diesem Schicksalsschlag kam hinzu, dass er sich in einem Streit mit seiner ebenfalls schwer erkrankten Partnerin befand und das Geld für die Beisetzung seiner verstorbenen Mutter bezahlen sollte. Verwirrt darüber, was er nun als nächstes tun sollte, sei der 60-Jährige hin- und hergerissen gewesen. "Mehrmals schob er sein Fahrrad aus der Einfahrt heraus und wieder hinein", erklärte die Verteidigerin, wodurch er seine Umgebung nicht beachtet habe. Den mit seinem Verhalten verursachten Unfall bereue der Angeklagte zutiefst, erklärte sie weiter. Deshalb habe er der geschädigten Radfahrerin eine Entschädigung von 500 Euro sowie eine Entschuldigung zukommen lassen.

Das Urteil von Richter Lars Petersen folgte jedoch den Aussagen der Zeuginnen und dem Plädoyer von Staatsanwältin Martina Wilke, die von einem "gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr mit der Absicht, einen Unglücksfall herbeizuführen" gesprochen hatte. Anstatt einer möglichen Freiheitsstrafe von einem Jahr beschränkte sich der Richterspruch aufgrund der besonderen Umstände des Angeklagten jedoch auf eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 20 Euro.