Im Wald sind alle total entspannt

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 26. Oktober 2018

Freiburg Süd

Die 8 a der Emil-Thoma Realschule im Projekt "Schulverwaldung".

FREIBURG-WIEHRE. Eine Woche im Wald? Darauf hatten die meisten der 26 Jugendlichen aus der Klasse 8a der Emil-Thoma-Realschule überhaupt keine Lust. Doch als es am Montag losging, stellten sie fest, dass es dort gar nicht übel ist. Am Freitag ist ihr letzter Tag im Sternwald, ein Ergebnis ist ein Insektenhotel für ein Studierendenwohnheim. Im Projekt "Schulverwaldung" vom Waldhaus geht’s aber um viel mehr – um Natur und Nachhaltigkeit, soziale Kompetenzen und Gemeinschaft.

Für Keanu (13) hat sich ein Traum erfüllt: "Ich hätte schon immer gern Bäume gefällt", sagt er. Neulich war es soweit. Außerdem haben er und die anderen an den gefällten Bäumen die Äste entfernt und die Rinde abgeschält. Das hat gut geklappt: "Uns wurde alles gezeigt, und nach zehn Minuten kannst du das schon ein bisschen", sagt Keanu.

Obwohl er immer vom Bäumefällen geträumt hat, gilt für ihn und die meisten anderen, dass der Wald ein Ort ist, wo sie so gut wie nie hinkommen. Mal abgesehen vom Grillen ab und zu, sagen Keanu, Suha (14) und Alex (13). Deshalb konnten sie sich unter der Woche im Wald zunächst nicht viel vorstellen – erst recht nichts Angenehmes: "Wir haben gedacht, dass es viel schlimmer wird", sagt Keanu. Auch ihrer Klassenlehrerin Ella Drach, die zum ersten Mal beim Projekt dabei ist, ging es ähnlich: "Ich hatte Bedenken, wie es mit dem Wetter wird, zum Beispiel, wenn es regnet", sagt sie. Und sie war besorgt, dass es gefährliche Situationen für ihre Schüler geben könnte oder es mit dem Mittagessen nicht klappen würde. "Wir mussten alle unsere Komfortzone verlassen", sagt sie.

Dazu gehört, dass sich alle warm anziehen und Kleidung auswählen müssen, die dreckig werden kann – "darauf sind wir ja gar nicht mehr eingerichtet", sagt Ella Drach. Doch alle Bedenken hätten sich schnell gelegt: "Ich erlebe die Schüler als total entspannt." Das liegt an den Rahmenbedingungen, die der Diplom-Forstwirt Philipp Gottwald seit 2011 auf dem Waldstück geschaffen hat, das ihm das Forstamt zur Verfügung gestellt hat. Ursprünglich war sein Plan, angelehnt an reformpädagogische Konzepte, speziell für Jugendliche, die es in der Schule schwer haben, längere Auszeiten als sinnvolle Alternative zum Unterricht zu schaffen.

Zusammen arbeiten, Frust überwinden, Natur erleben

Daraus wurde bisher nichts. Doch die Stadt, das staatliche Schulamt und Stiftungen finanzieren das kleinere, auf eine Woche begrenzte Projekt "Schulverwaldung" (siehe Infobox). Mit den ersten Klassen hat Philipp Gottwald die Infrastruktur eingerichtet: Ein Häuschen mit Dach und ein Gestell, das mit Planen Regenschutz bieten kann. Es gibt Bänke und Tische und eine Feuerstelle – dort kocht die 8 a mittags. Meist gibt’s Nudeln mit Soße und Salat. Wasser holen die Jugendlichen mit Kanistern aus einem Trinkwasserbrunnen. "Der ist weit weg, weil der Brunnen hier in der Nähe ausgetrocknet ist", sagt Keanu. Vom Schleppen hat er Muskelkater bekommen. Es gibt auch einfache Arbeiten: Hadil (14) sitzt auf einem dicken Stamm und schneidet kleine Holunderbaumäste auf 30 Zentimeter Länge zurecht. Sie werden gebündelt und in einen Holzkasten gelegt.

Dort hinein können Wildbienen ihre Eier legen. Diesem Zweck dienen auch die Löcher, die Suha und Keanu in Stämme bohren. Suha macht die Arbeit Spaß, es erinnert sie daran, wie sie früher in ihrer alten Heimat Kurdistan mit ihrem Vater Brennholz gesucht hat. In Freiburg kommt sie, wie die anderen, fast nie in den Wald. Das Insektenhotel verkauft die 8 a an das Studierendenwerk, dafür gibt’s 500 Euro für die Klassenkasse. Wahrscheinlich fahren sie damit in den Europapark Rust. Profitiert haben sie auch sonst: "Die Arbeit macht Spaß und stärkt die Klassengemeinschaft", sagt Hadil – weil alle viel mehr zusammenarbeiten als im Unterricht. Ella Drack sieht noch andere Erfolge: Die Schüler hätten gelernt, Frustrationen und Erschöpfung zu überwinden, sich in der Natur zu bewegen und selber zu kochen – das seien keine Selbstverständlichkeiten mehr.