Freiburg-Wiehre

Ist der "Turnschuhtango" in der Wiehre in Gefahr?

Dominik Heißler

Von Dominik Heißler

So, 26. August 2018 um 09:44 Uhr

Freiburg Süd

Tänzer fürchten wegen einer Beschwerde um die Veranstaltung. Doch die Stadtverwaltung beruhigt: Eine Beschwerde reicht nicht aus, die Veranstaltung zu verbieten.

Seit fast zehn Jahren treffen sich bei gutem Wetter jeden Dienstag begeisterte Tangotänzerinnen und -tänzer sowie Zuschauer am Alten Wiehrebahnhof auf dem Platz zwischen den Bäumen zum ungezwungenen "Turnschuhtango". Nun gibt es Beschwerden einer Anwohnerin. Die Tänzer sind beunruhigt: Reicht eine Beschwerde aus, damit die Veranstaltung verboten werden kann? Nein, sagt das Amt für öffentliche Ordnung, solange die Veranstalter die Regeln für öffentliche Plätze beachten.

Tangomusik zwischen klackernden Tischtennisbällen

Es ist zehn Minuten vor 19 Uhr. Am Alten Wiehrebahnhof weht leichter Wind. Tischtennisbälle klackern, Boulekugeln schlagen hell aneinander oder fallen dumpf auf den Boden. Eine Frisbee fliegt über den Rasen. Da sind auch zwei kleine schwarze Lautsprecher, mit Gummispannern an den Bäumen befestigt, neben dem Kiesplatz. Manfred Schreiber legt hier gleich die Milonga auf, argentinische Tangomusik. Der 73-Jährige trägt ein blau-weißes Hemd und einen weißen Panamahut. Seit drei oder vier Jahren, das weiß er gerade nicht so genau, kümmert er sich darum, dass der "Turnschuhtango" zwischen Mai und Oktober auf diesem Platz stattfindet. Nun hat er das Gefühl, die Veranstaltung verteidigen zu müssen.

Bei ihm hat sich nämlich eine Frau wegen der Musik beschwert. Es sei ihr zu laut, sie sei Anwohnerin. Er habe ihr gesagt, er achte sehr darauf, die Musik nicht zu laut zu machen, und er höre pünktlich um 22 Uhr auf. Doch die Frau beschwerte sich weiter und schaltete auch die Polizei ein. Laut Pressestelle der Polizei konnte die daraufhin angerückte Streife vor Ort jedoch keine Tanzveranstaltung feststellen.

Ein Platz, der sehr vielseitig genutzt wird

Zum Gespräch mit Manfred Schreiber kommt kurz ein Tischtennisspieler dazu. "Das kann ich nicht nachvollziehen", wirft er ein, "dass sich da jemand beschwert. Das ist so eine tolle Atmosphäre hier!" So sieht es auch Boulespieler Ralf Teuber, 58. Dieser Platz vereine Jung und Alt, Arbeitslose und Professoren. Sein Fazit: "Freiburg kann froh sein über so ein vielseitiges Kulturprojekt." Die Befürchtung, dass diese Draußenkultur der Beschwerde weichen muss, ist bei den Anwesenden groß.

Punkt 19 Uhr. Das erste Lied. Die ersten beiden Paare tanzen, setzen langsam und bedächtig ihre Schritte und plötzlichen Stopps. Tango gilt vielen als elitär. Man denkt an Abendkleider, hochhackige Schuhe und gehobene Gesellschaft. Beim Turnschuhtango weist schon der Name auf das Gegenteil hin: Hier wird ungezwungen, locker getanzt.

Grit Mittag, 55, ist fast von Anfang an dabei. Für sie gehe es nicht nur ums Tanzen, sondern auch darum, Freunde zu treffen. "Es ist Lebensfreude", sagt sie. Und dass es schade sei, dass man das verteidigen müsse. Um Manfred Schreiber hat sich derweil eine kleine Gruppe versammelt. Sie reden darüber, was sie tun könnten. Schreiber will einen Brief an die Beschwerdeführerin schreiben, sie einladen, vielleicht jemanden suchen, der Mediation macht. Alle wollen eine gütliche Regelung.

Die Stadt beruhigt: Werden die Regeln eingehalten, darf weiter getanzt werden

Die will auch die Stadt. Das Amt für öffentliche Ordnung weist auf Nachfrage schriftlich darauf hin: "Solange die Tänzer*innen gegen keine Regeln verstoßen, dürfen sie die Fläche nutzen wie andere auch." Vor allem müsse die Nachtruhe ab 22 Uhr eingehalten werden. Davor dürfe es aber nicht so laut sein, "dass unbeteiligte Personen erheblich belästigt oder gestört werden können." Sollte das der Fall sein, drohen dem Veranstalter Bußgelder. Das heißt: Werden die Regeln eingehalten, ist tanzen bis 22 Uhr kein Problem.

Darüber hinaus würde der gemeindliche Vollzugsdienst gerne zu einem Gespräch vor Ort einladen. Das allerdings hauptsächlich wegen anderer Gruppen, die nach 22 Uhr laut seien. Da gebe es noch weitere Orte in Freiburg mit ähnlicher Beschwerdelage, heißt es von Seiten der Stadt. Die Tänzer und Tänzerinnen, Zuschauer und Spieler am Alten Wiehrebahnhof genießen derweil ganz regelkonform weiter die ungezwungene Lebendigkeit des Platzes unter den Bäumen.