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04. Juli 2015

"Die Menschen brauchen Kontakt"

In die Container am Dietenbachpark sind in den vergangenen zwei Monaten 60 Flüchtlinge eingezogen, 30 Engagierte begleiten sie.

  1. Kawoon (15) aus Afghanistan bekommt Unterstützung von Klaus Kempff (rechts neben ihm). Foto: Rita Eggstein

WEINGARTEN. In der brütenden Hitze stehen die Rutsche und der Sandkasten verlassen da, die zwischen den Wohncontainern am Rande des Dietenbachparks aufgebaut wurden und – wie alles hier – sehr steril wirken. Doch dann trudeln Gäste ein, und aus den Containern kommen immer mehr Jugendliche und Kinder. Alle zusammen ziehen sich in einen Container-Raum zurück: Sie machen gemeinsam Hausaufgaben. Denn die Gäste gehören zu den derzeit 30 Engagierten, die rund 60 Flüchtlinge unterstützen, die hier in den vergangenen zwei Monaten eingezogen sind.

EIN ZEICHEN SETZEN
"Auf geht’s, Riad!" ruft Ulrich Plessner aufmunternd, als Riad (13) um die Ecke biegt. Riad ist aus Palästina geflohen und ein wichtiger Ansprechpartner für Ulrich Plessner. Riad spricht ziemlich gut Deutsch, weil er seit einem Jahr und einem Monat in Deutschland lebt – bis vor kurzem war er in Karlsruhe. Riad übersetzt, wenn die Verständigung mit Bahasad (15), Zakaria (12), Küteiba (14) und den anderen zu mühsam wird.

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Die drei Jungs sind neu hier, Bahasad ist aus der kurdischen Irak-Region, Zakaria und Küteiba sind aus Syrien geflüchtet, alle mit ihren Familien. Ulrich Plessner ist Lehrer für Deutsch, Politik und Ethik am Kepler-Gymnasium und hat sich schon in den 1990ern als Student für bessere Asylbedingungen eingesetzt – seine WG im Händel-Wohnheim nahm damals eigenmächtig einen Flüchtling auf. Inzwischen engagiert er sich im Vorstand des Rieselfelder Stadtteil-Vereins "Kiosk". Als er bei manchen Debatten um Standorte für Flüchtlingsunterkünfte Abwehr wahrnahm, wollte er ein Willkommenszeichen setzen, mit anderen, die genauso denken. So entstand vor eineinhalb Jahren der "Arbeitskreis Flüchtlinge" mit 80 Mitgliedern im Rieselfeld, als dort noch längst keine Flüchtlingsunterkunft in Sicht war. Zurzeit sind von diesen einst 80 Interessierten, zu denen auch Mitglieder der evangelischen Bonhoeffer-Gemeinde in Weingarten, vom "Forum Weingarten" und vom Bürgerverein Weingarten gehören, 30 aktiv engagiert.

SYRIEN ALS ANSTOSS
Im Hausaufgabenraum sitzt zwischen den Jungs ein kleines Mädchen: Hala (7) ist die Schwester von Küteiba und zum ersten Mal da. Peter Jahnka und Mechthild Jahnka-Knapp verständigen sich mit Händen und Füßen mit ihr – sie finden heraus, dass sie in die Clara-Grunwald-Schule geht. Hala schreibt ihren Namen auf, lächelt und ist sehr interessiert an den Gästen. Genau wie umgekehrt Peter Jahnka und Mechthild Jahnka-Knapp an ihr. Als immer mehr erschreckende Berichte über Syrien in den Medien auftauchten, waren die beiden schockiert. Syrien war für das pensionierte Lehrer-Ehepaar ein Land gewesen, das sie irgendwann bei einer Urlaubsreise kennenlernen wollten. Als sie Bilder von nach Deutschland geflüchteten Menschen sahen, die in Turnhallen untergebracht wurden, wollten sie etwas tun, in ihrer Umgebung im Rieselfeld. Sie stiegen beim Arbeitskreis ein, Mechthild Jahnka-Knapp bekam einen 21-jährigen Afghanen vermittelt, der mit 17 Jahren allein nach Deutschland geflohen war. Sie hat ihn auf die Fachhochschulreife vorbereitet, zurzeit sind Prüfungen: "Auch seine Duldung hängt davon ab, dass er besteht – das ist für ihn eine ganz schwere Situation."

DAS HAUPTZIEL KONTAKT
Genau wie Mechthild Jahnka-Knapp hat auch Klaus Kempff nicht gewartet, bis die verschiedenen Gruppen des Arbeitskreises loslegten: Inzwischen gibt’s neben den Hausaufgabenhelfern eine Sprachgruppe, andere Engagierte bepflanzen mit den Container-Bewohnern Beete im Innenhof oder begleiten sie zu Behörden und Arztbesuchen. Klaus Kempff war da, bevor das alles organisiert war, und kam mit einigen hier ins Gespräch: "Elvis und Angela aus Albanien haben mir ihre Geschichte erzählt, und von Mohab aus Afghanistan weiß ich, dass er für die Amerikaner gearbeitet hat, was natürlich gefährlich war." Jetzt steigt Klaus Kempff in die Hausaufgabengruppe ein, dabei ist ihm sehr bewusst, dass es um weit mehr geht als nur darum, die Kinder und Jugendlichen bei ihrem Start in deutschen Schulen zu unterstützen: "Die Menschen hier brauchen Kontakt zu uns." Der klappt umso einfacher, wenn er auf jemanden trifft, der so gut Englisch spricht wie Kawoon (15) aus Afghanistan.

Klaus Kempff ist Mathematiker und Physiker, seit er in Rente ist, engagiert er sich für vieles. Kawoon hat einen deutschen Text vor sich liegen, Klaus Kempff hilft ihm, ihn zu verstehen und erklärt ihm die deutschen Umlaute. Irgendwann will er auch mal seine Trommel und seine Gitarre mitbringen, um mit den Bewohnern Musik zu machen.

Autor: Anja Bochtler