"Tollkühne Idee" kommt gut an

Eva Opitz

Von Eva Opitz

Sa, 17. Oktober 2015

Freiburg Tuniberg

Die Auftaktveranstaltung des Betreuungsprojekts "Zu Gast wie daheim" stößt in Opfingen auf großes Interesse.

OPFINGEN. Im Bürgersaal des Opfinger Rathauses waren nur wenige Plätze frei, als das Bürgernetzwerk Opfingen sein Anfang des Monats gestartetes Projekt "Zu Gast wie daheim" vorstellte.

Vorbild des ehrgeizigen Projekts zur Unterstützung betreuungsbedürftiger Menschen (die BZ berichtete) war eine Gemeinde in Schottland, deren Erfolg sich über Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis bis nach Opfingen herumsprach. "Wir mussten es nicht noch einmal erfinden", sagte Reinhard Pfeiffer, Vorsitzender des Bürgernetzwerkes, bei der Auftaktveranstaltung und begrüßte Gabriele Karadeniz, die ihre Arbeit in Gelnhausen vorstellte. Die Grundidee besteht darin, dass ein privater Gastgeber seinen Haushalt für eine Gruppe von maximal vier hilfsbedürftigen Menschen öffnet, die er im Duo zusammen mit einem weiteren Unterstützer betreut.

Im Main-Kinzig-Kreis gibt es bereits 25 Gastgeber

In Gelnhausen stellte sich der Erfolg schnell ein: "Zu Beginn hielten es viele für eine tollkühne Idee, Betreuungsbedürftige ähnlich wie im Tagesmutterprojekt in privaten Haushalten unterzubringen, aber es funktionierte prima", berichtete Karadeniz. Im Main-Kinzig-Kreis öffneten sich 25 Häuser, in denen 110 Gäste tage- und stundenweise aufgenommen werden. Von da aus war es nur noch ein Schritt hin zur Bachelorarbeit von Anna-Verena Ebner zum Thema häusliche Tagespflege in Opfingen. Die Sozialarbeiterin entwickelte mit finanzieller Unterstützung der Stadt ein Konzept, um das Vorbild auf das Dorf zu übertragen. In ihrem Vortrag erläuterte sie, wie die Kosten für sogenannte niedrigschwellige Betreuung von der Pflegeversicherung aufgefangen werden können.

Nach der Vorlage von Gelnhausen werden die zukünftigen Betreuer ab Januar in einer Schulung mit acht Unterrichtseinheiten und einem einwöchigen Praktikum im März für die neue Aufgabe qualifiziert, wie Regine Bunk als Pflegedienstleiterin erläuterte. "Wichtig ist uns, dass die Betreuung und nicht die Pflege im Vordergrund steht", erklärte Dieter Ebernau, stellvertretender Vorsitzender des Bürgernetzwerkes. Geholfen werde mit dem Projekt pflegenden Angehörigen, die entlastet würden, sowie den Menschen, die im Dorf alt werden und aktiv in der Gemeinschaft bleiben wollten. Zudem gebe es im nicht gerade mit Arbeitsplätzen gesegneten Opfingen mit der Aufwandsentschädigung für Gastgeber und Betreuer eine Option auf einen kleinen Verdienst.

Neben Regina Bunk als Pflegedienstleiterin steht die frisch angestellte Sarah Höpf als Fachkraft zur Verfügung, wenn auch die Betreuer mal Hilfe brauchen sollten. Mit dem Thema "Alt und Allein" ihrer Bachelorarbeit an der Katholischen Hochschule in Freiburg im Fachgebiet "Soziale Arbeit" mit Schwerpunkt Gerontologie war sie bereits mitten drin in der Problematik. "Die Folgen sozialer Isolation können gravierend sein bis hin zu Krankheiten", erklärte die junge Sozialarbeiterin.

Anita Schreck vom Bürgernetzwerk schilderte, wie die Bevölkerung älter wird, immer mehr Frauen berufstätig sind und für die Pflege ausfallen. Brigitte Paradeis von städtischen Seniorenbüro begrüßte die Initiative. "Das Wichtigste in Ihrem Projektnamen ist das Wort ,daheim’", betonte die Leiterin des Seniorenbüros. Die Stadt sei bereit, aus ihrem Topf für Projektmittel "Zu Gast wie daheim" weiter zu fördern.

Die Rolle als Gastgeber einer Betreuungsgruppe in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus sei sicher neu und ungewohnt, sagte der Opfinger Thomas Klie: "Wir können jedoch daran menschlich wachsen." Klie, Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg, war sich darin einig mit der Ortsvorsteherin Silvia Schumacher, die dem Projekt mit der Überschrift "So werden wir älter in Opfingen" gerne ein zweites Motto mitgeben würde.

Flexibilität spielt im Konzept eine große Rolle

Mit Ilse Stiefel aus Opfingen wurde sogleich eine Mitstreiterin gewonnen. Ihr Mann sitzt im Rollstuhl, ist aber fit genug, um sich über soziale Kontakte zu freuen und noch überall dabei sein zu wollen. "Ich kann mir vorstellen eine Gruppe aufzunehmen", sagte die rüstige 77-jährige, "allerdings nur im Winter. Im Sommer brauchen mich meine Obstbäume." Für das Projekt kein Problem, denn Flexibilität ist nach Aussage von Regine Bunk gewünscht und wird gefördert.