Brennpunkt Stühlinger

Angst, Wut, Ratlosigkeit: Freiburg hat ein Kriminalitätsproblem

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Mi, 30. April 2014 um 07:52 Uhr

Freiburg

In Freiburg häufen sich gewaltsame Überfälle, an Schulhöfen wird mit Heroin gedealt: Polizei, Politiker und Bürger wissen nicht wirklich, wie sie das Problem anpacken sollen.

Die Mutter sitzt in der ersten Bank der Herz-Jesu-Kirche und beschreibt ihre Ängste: "Ich will wieder einmal schlafen können, bevor mein 18-jähriger Sohn zu Hause ist." Dass sie derzeit vorher nicht schlafen kann, hat seine Gründe. Am Abend des Gründonnerstags hat die Frau mitbekommen, wie acht Angreifer einen 15-Jährigen niedergeschlagen haben. Der Tatort lag an der Freiburger Stadtbahnbrücke, 150 Meter entfernt von der Herz-Jesu-Kirche am Stühlinger Kirchplatz, in der sich an diesem frühen Abend die rund 25 Bürgerinnen und Bürger zum runden Tisch treffen. Diese Überfälle sind ein Problem. Aber nicht das einzige.

Die große Frage lautet: Wie sicher ist Freiburg noch?

Wie sicher ist Freiburg noch? Diese Frage wird gerade heiß diskutiert, nicht nur im Stadtteil Stühlinger. Was geschieht da gerade in der Stadt, die sich zwischen Gässle, Bächle, Liegefahrrädern und Hightech-Forschung so gerne als liberalste aller Städte sieht? Dabei trägt Freiburg schon lange den Titel des kriminellsten Fleckens in Baden-Württemberg. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl passieren in Freiburg fast 20 Prozent mehr Straftaten als in Mannheim, Karlsruhe und Stuttgart. Und nun gibt es diese Serie an Diebstählen vor allem in der Altstadt. Es gibt die Überfälle. Und es gibt eine neue Ermittlungsgruppe der Polizei, die sich darum kümmert. Die Ermittler haben für eine Reihe von Diebstählen – es geht um das Abziehen von Handys und Bargeld – eine bestimmte Gruppe als Täter ausgemacht.

In den Fokus geriet eine kleine Zahl von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die aus dem nordafrikanischen Raum stammen sollen. Sofort hagelte es Kritik von Flüchtlingsinitiativen an der Polizei, an der Berichterstattung in der Zeitung. Der Vorwurf: Wegen einer bloßen Vermutung von polizeilichen Behörden würden alle unbegleiteten Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt. Und das, obwohl bis dato weder Täter ermittelt noch festgenommen worden seien.

Etliche Taten werden minderjährigen Flüchtlingen zugeordnet

Was jedoch so nicht stimmt. Die Polizei hat sehr wohl bei etlichen Diebstählen die Täter gefasst und kann sie darum auch sicher zuordnen. Auch bei einigen der Raubüberfälle wird in diese Richtung ermittelt. Aber natürlich, das betont Polizeisprecher Dirk Klose immer wieder, gebe es bei den Überfällen auch noch andere Tätergruppen.

Was die unbegleiteten Minderjährigen anbelangt, haben die beteiligten Behörden jetzt eine engere Kooperation vereinbart. Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik (Grüne) hat beteuert, dass die Stadt weiter allen helfe, die Schutz und Unterstützung brauchen. Bei Straftaten wolle die Stadt deutlich signalisieren, "dass wir das nicht dulden werden", sagt sie in der Gerichtslaube des Rathauses bei einem Treffen der verschiedenen Ämter und Institutionen, die sich mit den unbegleiteten Flüchtlingen beschäftigen. Stuchliks Worte sind eine Ansage, die vielen in Freiburg schon wieder viel zu massiv geraten ist.

Viele Flüchtlinge sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert

Dabei streitet niemand, der mit der Materie betraut ist, die Probleme ab. Das gilt schon gar nicht für das Christophorus-Jugendwerk der Caritas, das im Auftrag der Stadt diese jungen Flüchtlinge in Obhut nimmt. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, zumal sich die Zahl der Ankömmlinge in den vergangenen vier Jahren verzehnfacht hat. 78 unbegleitete Minderjährige kamen zuletzt 2013 nach Freiburg, im ersten Quartal 2014 waren es schon 53. "Vergangene Woche kamen sieben auf einmal", berichtet Thomas Köck, Erziehungsleiter und stellvertretender Leiter des Jugendwerks mit Sitz in Oberrimsingen.

Köck stellt bei einem Rundgang die Außenstelle der Einrichtung in Freiburg vor, die erst vor wenigen Wochen unter dem Druck der steigenden Zahlen eröffnet wurde. Der Erziehungsleiter hat von überall gebrauchte Möbel organisiert. Das helle, freundliche Haus in Freiburg bietet Platz für 16 Neuankömmlinge. Viele von ihnen seien durch Kriegserlebnisse traumatisiert, haben eine meist monatelange Flucht voller Not und Entbehrungen hinter sich, erzählt Thomas Köck am Tisch im Aufenthaltsraum. "Der Großteil von ihnen ist zu Recht schutzbedürftig, integrationswillig und will hier seinen Weg gehen." Der Erziehungsleiter kennt viele kleine Geschichten von großen Erfolgen. Etwa die von dem Jungen aus Afghanistan, der vor zwei Jahren nach Deutschland kam. Er hat die Sprache gelernt und den besten Hauptschulabschluss seiner Schule abgelegt. Am Morgen vor dem Termin hat ihn Thomas Köck zum Praktikum in eine Firma gefahren.

Drogenhandel am helllichten Tag

Über die kleine, bestens untereinander vernetzte Gruppe, die den Ärger macht, über mögliche Hinterleute, kann auch Köck nichts sagen. Die Betroffenen lassen nicht mit sich reden. Es gibt vage Vermutungen. Ist da noch eine andere Gang, die regelmäßig von Frankreich nach Freiburg kommt und mitmischt? Immerhin: In den vergangenen Tagen seien nur noch junge Flüchtlinge gestrandet, die zu der Gruppe gehören, die offen gegenüber der Hilfe sind, die das Haus hier bietet. Thomas Köck zuckt die Schultern: "Vielleicht ist es die Wende, vielleicht aber nur eine Pause."

"Dann wird unser Stühlinger Kirchplatz ein nicht mehr begehbarer Ort." Hansjörg Rasch
Aber es gibt, wie gesagt, noch ganz andere Probleme. Da führt der Weg zurück in den Stühlinger zum "runden Tisch". Draußen neben der Kirche hat sich zur gleichen Zeit eine Gruppe junger Leute versammelt, die wegen Wind und miesen Wetters die Kapuzen hochgezogen haben. Sind das die Jungs, die dem Stadtteil Sorgen machen? Halbwüchsige, die, angeleitet von Älteren, hemmungslos am helllichten Tag mit harten Drogen handeln. Ein Dealer traf seine Kunden auch schon hinten in der Kirche – während der Messe. Die Clique sucht immer wieder auch Kontakt zum Schulhof der benachbarten Hebelschule, einer Grund- und Werkrealschule. Hansjörg Rasch, katholischer Pfarrer und Hausherr der Kirche, sagt am runden Tisch, er wolle niemanden vertreiben. Aber mit zu viel Toleranz werde es auch schwierig: "Dann wird unser Stühlinger Kirchplatz ein nicht mehr begehbarer Ort."

Die Sache mit den Jungs, den Drogen und der nahen Schule hat Gabi Rolland, die im Stadtteil lebende SPD-Landtagsabgeordnete, schon länger an die Stadtverwaltung weitergegeben. In der Runde, die sie moderiert, fällt in eineinhalb Stunden nicht ein böses Wort. Die Bürger ersinnen den kreativen Plan, durch gemeinsame allabendliche "Platz-Besitzung" ihren Kirchplatz zurückzuerobern. Und, ja, es brauche mehr Licht bei dem düsteren Geschehen, sagt jemand. Deswegen soll die Kirche nun bis um Mitternacht von den großen Scheinwerfern angestrahlt werden. Eine Forderung hat der runde Tisch: dass die Stadt Freiburg die zusätzlichen Stromkosten trägt.

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