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27. Oktober 2009 17:40 Uhr

Bewegung

Containern – aus Überzeugung Essen aus dem Müll fischen

Auch in Freiburg gibt es Menschen, die ihr Essen im Supermarktcontainer suchen. Sie treibt nicht die Not. Sie wollen ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzten.

  1. Die Ausbeute: Alles Lebensmittel, die beim Containern in Freiburg gesammelt wurden. Foto: Thomas Kunz

  2. Auch Tafelläden profitieren von Lebensmitteln, die Supermärkte nicht mehr verkaufen wollen. Foto: Kathrin Blum

Bei dem Frischkäse war das Haltbarkeitsdatum abgelaufen, als ich ihn aus ’nem Müllcontainer geholt habe. Aber der ist gut, den kannst du essen." Bei den PH-Studenten Jenny, Martin und Oliver (alle Namen von der Redaktion geändert) ist die Auswahl am Frühstückstisch groß. Wie den Frischkäse haben die drei einen großen Teil ihres Essens nicht gekauft, sondern nach Ladenschluss aus den Müllcontainern von Supermärkten gefischt. Nicht, weil sie wie viele Menschen zu wenig Geld zum Einkaufen haben, sondern weil sie ein Zeichen gegen die Verschwendung von eigentlich noch essbaren Lebensmitteln setzen wollen.

"Essen muss heutzutage immer perfekt aussehen, und wenn ein Apfel auch nur ’ne kleine Delle hat, wird er entsorgt. Das ist eine falsche Einstellung." Jenny
Ungefähr 70 Prozent von Martins Essen sind "containert", wie das Sammeln von weggeworfenem Essen genannt wird: "Ich hole aber nicht alles aus Müllcontainern von Supermärkten. Viel bekommt man auf Nachfrage auch von kleinen Läden, die einem das Essen, das sie nach Ladenschluss ohnehin wegwerfen würden, einfach so geben." Seit zweieinhalb Jahren ernähre er sich so, denn: "Ich finde es nicht gut, wenn Essen, dass eigentlich noch vollkommen in Ordnung ist, einfach weggeworfen wird." So sieht das auch Jenny: "Essen muss heutzutage immer perfekt aussehen, und wenn ein Apfel auch nur ’ne kleine Delle hat, wird er entsorgt. Das ist eine falsche Einstellung."

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Oliver lobt, dass einige Supermärkte ihr Essen von sich aus an die Freiburger Tafel weitergeben. Trotzdem sei immer noch mehr als genug in den Containern zu finden.

Da heranzukommen sei unterschiedlich schwer, erzählen die drei. Bei einigen Supermärkten seien die Müllcontainer mit Vorhängeschlössern und Bewegungsmeldern gesichert. "Bei anderen haben wir dagegen das Gefühl, dass die Mitarbeiter das Essen schon für uns sortieren, da liegen die guten Sachen immer ganz ordentlich obenauf," erzählt Martin.

Studentische Bewegung

Da müsse man aber oft auch schnell nach Ladenschluss kommen, denn Leute, die containern gehen, gäbe es relativ viele in Freiburg, erzählt Oliver. "Das sind vor allem Studenten, die das aus ideologischen Gründen machen. Wir können ja ohne Probleme nachts zu Supermärkten fahren und uns mit Essen eindecken. Wenn man das wirklich aus Not machen würde, wäre das viel schlimmer, wir können ja einkaufen gehen, wenn wir ’nen schlechten Tag erwischen." Dass "Containern" nicht legal ist, ist den Dreien aus ideologischen Gründen ziemlich egal.

Da sie oft zu viel Essen finden, tauschen sie mit containernden Freunden. Das sind vor allem Jungs, meint Jenny. "Mädchen haben oft Hemmungen, weil man beim Containern ja fast immer Hausfriedensbruch begeht. Um an die Müllcontainer zu kommen, muss man oft noch über Zäune klettern, und da haben Mädchen eher Angst."

Noch keine Probleme

Probleme mit der Polizei hatte noch keiner von den Dreien. "Man muss sich höchstens mit Anwohnern auseinandersetzen, die ’rumbrüllen, was man da mache", erzählt Oliver. Auch wenn der kriminelle Aspekt das Containern für einige Leute vielleicht noch spannender mache, die Drei würden das Essen lieber legal bekommen. Martin findet denn auch: "Wenn uns die Supermarktmitarbeiter das Essen nach Ladenschluss einfach so geben würden, wäre das persönlicher. Dann könnte man sich auch mal bedanken."

Aus der Not heraus – Lebensmittel aus dem Abfall

Wer nicht aus ideologischen Gründen, sondern vor allem aus Not sein Essen aus dem Müll holen muss, macht ganz eigene Erfahrungen. Drei Gäste aus dem Essenstreff im Dreikönigshaus, die anonym bleiben wollen, erzählen von ihren Erfahrungen mit Supermarktcontainern.

- "Ich hol’ mir ungefähr einmal pro Woche Essen aus Supermarktcontainern. Ich tu’ das ungern, aber was soll man machen. Besser als klauen ist es allemal. Die Mitarbeiter vom Supermarkt, bei dem ich das Essen hole, wissen auch Bescheid. So lange ich vor den Containern keinen Müll mache, sei das Okay."

- "Containern kenne ich aus Berlin, da machen das echt viele Leute. Ich selber aber nicht. Ich habe aber eine Zeit lang bei einer großen Supermarktkette gearbeitet und mitgekriegt, was da alles weggeschmissen wird. Das ist echt Wahnsinn! Als Mitarbeiter darfst du dir aber nichts von den Sachen nehmen, auch wenn die noch echt gut sind. Ich hab’ das mal ausprobiert, da hieß es dann aber gleich: Diebstahl! Jetzt könnte man bei der Kette aber ohnehin nichts mehr aus den Müllcontainern holen – die haben da seit Neuestem riesige Schlösser vor die Müllcontainer gehängt."

- "Ich hole mir mein Essen lieber im Dreikönigshaus als aus Containern. Oder abends im Krankenhaus, die verteilen da Käse- und Wurstbrötchen. Ich kriege aber schon mit, wie andere Leute das machen. Besonders bei den Bäckern ist es total unterschiedlich, was die abends mit den Kuchen und Broten machen. Manche geben die Sachen weiter an die Tafel oder verschenken sie abends und bei anderen sieht man wirklich Berge von Kuchenstücken in den Mülltonnen." 

Interview: Containern-Bewegung und Tafelläden – Geschwister im Geiste

Autor: Friederike Reussner