23. November 2009
Barrierefreiheit in den Köpfen
Übervolles Haus bei "Eine Schule für alle"
Ein übervolles Haus bescherte der Lebenshilfe die Veranstaltung "Eine Schule für alle" im Rahmen ihrer Reihe "Alle(s) inklusive!". Was selbst die zu einem Grußwort erschienene Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik zu der Feststellung veranlasste: "Sie haben damit einen Nerv getroffen." Immer mehr Eltern im Raum Freiburg wollen ihre behinderten Kinder gemeinsam mit nicht behinderten in einer Regelschule für alle unterrichten lassen. In Deutschland haben das bisher nur fünf Prozent geschafft. Ihre Fürsprecher berufen sich auf die im Frühjahr auch in Deutschland in Kraft getretene UN-Konvention, die Menschen mit einer Behinderung umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben garantiert. Für Referentin Ines Boban, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Halle-Wittenberg, geht Inklusion mit Blick auf Schule jedoch viel weiter: Sie soll "ein guter Ort für alle Menschen" sein, wo Vielfalt als Bereicherung erlebt wird. Die Freie Schule Kapriole versteht sich in diesem Sinn als inklusive Schule, weil sie offen ist für Kinder mit den "verschiedensten emotionalen, sozialen, psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen". Auch der Kinderbauernhof Vauban lebt diese Vielfalt und wird nach Auskunft von Achim Stockmaier von behinderten Kindern gerne in Anspruch genommen: "Sie sind sonst den ganzen Tag in einer Sonderschule und haben gar keine Chance, zusammen mit Nachbarskindern was zu machen." Der "Markt der Möglichkeiten" zeigt, dass sich im Raum Freiburg schon viele auf den Weg gemacht haben, von integrativen Privatschulen über Kooperations- und Außenklassen von Förderschulzentren an Regelschulen bis zu Vereinen und Initiativen wie der Arbeitskreis "Recht auf Inklusion" oder der Verein "Bildung neu denken", der in seinem "Freiburger Appell" ein Inklusionsangebot an öffentlichen Schulen in Freiburg fordert. "Fast alle Freiburger Stadträte haben schon unterschrieben", freut sich Vereinsfrau Diana Schiekofer und hofft auf viele weitere Mitunterzeichner.
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Bewusst hatte die Lebenshilfe als Veranstaltungsort die Staudinger-Gesamtschule gewählt, die sich schon 1970 bei ihrer Gründung als "Schule für alle" verstand. "Wir haben damals gar nicht gemerkt, dass damit gar nicht alle gemeint waren", räumt Schulleiter Kolb freimütig ein. Gerda Stuchlik verspricht, bei der anstehenden Sanierung auch auf Barrierefreiheit zu achten. Aber "die Barrierefreiheit muss auch in den Köpfen entstehen", so Rolf Wiedenbauer vom städtischen Bildungsbüro.
Uta Stehle, Leiterin der Karoline-Kaspar-Grundschule im Vauban, wäre soweit: Aber "wie ermöglichst uns das Land mit entsprechenden Lehrerdeputaten das Team-Teaching mit einem Sonderpädagogen?" Vorerst hat die Schule eine Kooperation mit der Schule Günterstal begonnen. "Das Schulsystem kann sich nicht nach gesellschaftspolitischen Illusionen ausrichten", hält Hansjoachim Friedemann, zuständiger Referent beim Regierungspräsidium, dagegen und erntet heftige Buhrufe. "Die einen sprechen mit dem Kopf, die anderen mit dem Herzen", diagnostiziert ein Vater. "Die beiden Welten treffen sich nicht." Eltern, die um eine integrative Beschulung ihrer Kinder gekämpft haben, schildern, welche Kraft es sie gekostet hat. "Aber ich habe diese Antragstellung so satt", klagt die Mutter eines behinderten Kindes. "Es sollten nach dem Kindergarten einfach alle in die Grundschule ihres Stadtteils gehen."
Kontakte: http://www.lebenshilfe-freiburg.de www.bildung-neu-denken.de; Arbeitskreis "Recht auf Inklusion", Hein Kistner, Telefon 07681/2099954, Michael Falentin, Telefon 0761/4598758; http://www.miteinander-downsyndrom.de (Kontaktadressen für Musteranträge).
Autor: Anita Rüffer




