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13. April 2017 09:02 Uhr

BZ-Interview

Baumschutzexperte kritisiert Baumfällungen in Freiburg

Immer wieder gibt es in Freiburg Streit, wenn alte Bäume gefällt werden. Helmut Königer, langjähriger Baumschutzbeauftragte der Stadt wirft der Verwaltung einen laschen Umgang bei der Erhaltung von Bäumen vor.

  1. Eine 70 Jahre alte Platane auf dem Platz der Alten Synagoge wurde 2016 gefällt. Sie war bei Bauarbeiten beschädigt worden. Foto: Ingo Schneider

  2. Helmut Königer Foto: Thomas Kunz

  3. Wenn die Motorsäge läuft, werden Anwohner aufmerksam. Foto: dpa

BZ: In letzter Zeit gab es Kritik an der Stadt, weil sie bei umstrittenen Baumfällungen nicht entschieden eingegriffen hat. Was sind alte Bäume in Freiburg noch wert?
Königer: Meiner Meinung nach ist der große Drang nach Neubauten der Grund dafür, dass Bauanträge nicht mehr so genau geprüft werden wie früher. Der Wert von Großbäumen ist auch deshalb gesunken. Unter Oberbürgermeister Rolf Böhme hatte man in den 1990er-Jahren noch viel mehr übrig für den Baumschutz. Die Mitarbeiter beim Garten- und Tiefbauamt sind zwar immer bemüht, aber sie haben keinen wirklichen Rückhalt mehr von oben. Die Stadtverwaltung handhabt den Baumschutz zunehmend lascher. Vor 20 Jahren haben sich auch die Vertreter der Parteien im Gemeinderat für den Erhalt von alten Bäumen stark gemacht – besonders bei Bauvorhaben. Heute ist das kaum noch der Fall. Wir haben uns zu Recht Green City genannt. Aber das kann man nicht nur nach außen verkaufen, man muss dazu auch innerhalb der Stadt stehen. Dazu gehören neben dem Erhalt von Grünflächen, landwirtschaftlichen Nutzflächen und Kleingärten auch Bäume, weil sie stadtklimatisch so wichtig und hochwertig sind.

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"An vielen Baustellen in der Stadt muss ich mit großem Unverständnis feststellen, dass Bäume entfernt werden, die bei entsprechenden Schutzmaßnahmen hätten erhalten werden können."

BZ: Was haben Sie früher anders gemacht?
Königer: Ich hatte einen starken Rückhalt bei den Fachämtern, und die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern dort sowie mit dem Naturschutzbeauftragten war sehr eng. Die Bauanträge kamen vom Bauordnungsamt auf meinen Tisch, und ich habe in Abstimmung mit den Kollegen geprüft, welche Bäume gefällt oder geschützt werden können – wegen ihres ökologischen Nutzens, der Standortbedeutung oder ihrer Schönheit. Wir haben uns meistens vor Ort ein Bild gemacht und durch entsprechende Maßnahmen den Gesundheitszustand überprüft. Der Kronenbereich wurde vermessen und die zu erhaltenden Bäume mit dem nötigen Abstand zu den geplanten Bauten in die Baupläne eingearbeitet. Natürlich hatten wir es oftmals auch mit dem Unwillen der Bauherrn zu tun und haben entsprechend diskutiert. Aber wir haben immer wieder erreicht, dass Bäume erhalten blieben, oder durch einen sogenannten "kronenbezogenen Rückschnitt" verändert wurden.

BZ: Wo konnten Sie durch Ihr handeln Bäume retten?
Königer: Nehmen sie die Kastanie in der Post-Passage zwischen Bertold- und Eisenbahnstraße. Dort haben wir erhebliche Auflagen und Festsetzungen zum Schutz des Wurzel- und Kronenbereiches gemacht. Heute steht sie in voller Pracht und erfreut sich als Schattenspender vor allem im Sommer großer Beliebtheit. Ein anderes Beispiel ist der Erhalt der wunderschönen Eiche in der Hansjakobstraße, direkt am Römerhof, die wegen einer möglichen Beeinträchtigung durch zukünftigen Wohnraum entfernt werden sollte. Hier musste der Investor etliche Umplanungen vornehmen. In Herdern oberhalb der Pferdewiese haben wir an der Eichhalde lange gekämpft und zumindest einige Bäume des Eichenbestandes retten können. Ich könnte noch etliche Beispiele nennen, verteilt über die ganze Stadt. Und was geschieht in den letzten Jahren? An vielen Baustellen in der Stadt muss ich mit großem Unverständnis feststellen, dass Bäume entfernt werden, die bei entsprechenden Schutzmaßnahmen hätten erhalten werden können.

BZ: 1997 wurde nach langem Bemühen doch eine Baumschutzsatzung für Freiburg erlassen. Hat diese Verordnung denn nichts gebracht?
Königer: Mit der Satzung musste jeder, der einen Baum fällen wollte – auch der Privatmann in seinem Garten – einen Antrag stellen. Nach der Prüfung konnten sicher einige Bäume erhalten werden. Aber wenn die Stadtverwaltung nach drei Wochen nicht auf den Antrag reagiert, weil sie etwa aus Zeitmangel oder anderen Gründen keine genaue Überprüfung durchführen kann, gilt der Antrag als akzeptiert. Und das passiert gerade bei umstrittenen Bauprojekten immer häufiger. Wenn da noch ein Vermessungsfehler des Ingenieurs und eine Beschädigung des Wurzelbereichs durch Bauarbeiten – wie neulich in Zähringen – hinzukommen, ist so ein alter Baum, wie diese Eiche, kaum noch zu erhalten. Einfach zu sagen, da sei was schief gelaufen, geht nicht. Wenn ich an die Kurzsichtigkeit der Stadt denke, wie auch am Haslacher Dorfbach oder bei der alten Weide auf der Pferdekoppel in Betzenhausen, steigt der Zorn in mir hoch. Mir tut es in der Seele weh, wie dort mit Bäumen umgegangen wird.

BZ: Immerhin schenkt die Stadt allen Neugeborenen einen Geburtsbaum und verpflichtet die Bauträger meist, Ersatzpflanzungen für gefällte Bäume vorzunehmen.
Königer: Hinter den Geburtsbäumen ist ja sicher ein guter Wille zu erkennen. Aber Nachpflanzungen sind doch Pflicht und keineswegs ein echter Ersatz. Die brauchen meist 20 Jahre und mehr bis sie annähernd die Wirkung haben, wie ihre Vorgänger. Man muss zudem bedenken, dass so ein großer, alter Laubbaum rund 70 Liter Wasser verdunstet und so das Kleinklima beeinflusst und für über 200 verschiedene Insektenarten Lebensraum bietet, was wiederum für die Nahrung der Vögel wichtig ist, abgesehen von den Nistmöglichkeiten. So etwas wird kaum noch oder überhaupt nicht mehr berücksichtigt. Schauen Sie die neu gepflanzte Platane auf dem Platz der Alten Synagoge an. Die ersetzt erst in Jahren ihre Vorgängerin, die beim Bau entfernt wurde. Wenn ich dann noch höre, dass da jetzt Lederhülsenbäume gepflanzt werden, sehe ich echt schwarz. Das sind keine typischen Bäume für unsere Region. Sie gehören nicht hierher.
Baumschutzsatzung

Im Jahr 1997 erließ der Gemeinderat eine Baumschutzsatzung. Darin heißt es: "Der wesentliche Zweck des Baumschutzes ist die Bestandserhaltung der Bäume, insbesondere zur Sicherung eines ausgewogenen Naturhaushalts und von Lebensstätten der Tier- und Pflanzenwelt sowie zur Belebung, Gliederung und Pflege des Orts- und Landschaftsbildes." Als schützenswert gelten Bäume mit einem Stammumfang von mindestens 80 cm. Bei langsamwüchsigen Einzelbäumen reichen 40 cm Stammumfang. Eine Befreiung vom Baumschutz erhält der Antragsteller, wenn die Stadt nach dem Ablauf einer Frist von drei Wochen nach Eingangsbestätigung keine schriftlichen Bedenken äußert.

Umstrittene Fällung von Bäumen in Freiburg

Im September 2016 wurde auf dem Platz der Alten Synagoge eine rund 70 Jahre alte Platane gefällt. Laut Gutachten musste der Baum gefällt werden (Rückblick: Beschädigte Platane muss gefällt und ersetzt werden), weil er im Falle eines Unwetters umzukippen drohte. Eine massive Wurzel der 15 Meter hohen Platane mit 180 cm Stammumfang war zuvor bei den Bauarbeiten zur Umgestaltung des Platzes beschädigt worden. Im März 2017 wurde eine neue Platane gepflanzt. Fünf alte Platanen wurden jedoch erhalten.

Im März 2017 wurde in der Vorderen Poche in Zähringen eine über 100 Jahre alte Eiche gefällt (Rückblick: Zähringer Eiche muss Bau weichen). Wegen der aus Wurzelschäden hervorgegangen mangelnden Sicherheit hatte der Bauträger nach Zahlung eines Bußgeldes die Befreiung vom Baumschutz beantragt und diese von der Stadt erteilt bekommen. Forstwissenschaftler kritisierten das Baurechtsamt dafür, die vor der Baugenehmigung erbrachten Einwände von Bürgern, die Baumkronen würden zu weit ins Grundstück hineinragen, nicht berücksichtigt zu haben.

Im März 2016 wurden 26 zum Teil alte Bäume am Haslacher Dorfbach gefällt (Rückblick: Renaturierung mit der Motorsäge). Anwohner zeigten sich empört, da sie nicht darüber informiert wurden. Laut Stadt mussten die Bäume zur Renaturierung des Bachs weichen.

Rund um das Baugebiet Tränkematten-Süd in Betzenhausen gibt es immer wieder Vorfälle um Baumfällungen. 2010 hatte eine Baufirma in dem Stadtteil von einer Gartenbaufirma ein Areal roden lassen, dessen Eigentümerin sie noch nicht war. Betroffen waren auch schützenswerte Bäume. Im Dezember 2016 sorgte die laut Stadt nötige Fällung einer großen, alten Weide für Unverständnis bei Anwohnern (Rückblick: Baumfällung alarmiert die Anwohner).

Zur Person

Helmut Königer war fast 40 Jahre Gartenbauingenieur beim Gartenamt und bis zu seiner Pensionierung 2002 Baumschutzbeauftragter der Stadt Freiburg. Der 79-Jährige ist heute auch stellvertretender Vorsitzender des Bezirksverbandes der Gartenfreunde Freiburg.

Autor: Fabian Vögtle