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20. Mai 2010
Begeistert von Papier
MENSCHEN VON NEBENAN: Christine Trautwein hat sich der Kleistermalerei verschrieben.
BRÜHL-BEURBARUNG. Die Stadt ist voller Überraschungen. Eine eröffnet sich im Stadtteil Brühl-Beurbarung in einer hübschen kleinen Wohnung im 1904 errichteten Wohnhaus des Bauvereins Breisgau in der Emmendinger Straße. Hier wohnt seit zwei Jahren die Künstlerin Christine Trautwein. Sie hat sich der Kleistermalerei verschrieben. Das heißt, sie gestaltet Bilder mit einem Gemisch von Kleister und Farbe.
Vom 25. Mai an sind Werke Christine Trautweins in einer Ausstellung in der Seniorenwohnanlage der Arbeiterwohlfahrt (AWO) am Tennenbacher Platz zu sehen, – neben Aquarellen und Zeichnungen Theresia Klugermanns und handgearbeiteten Quilts von Hildegard Ortlieb, die dort im übrigen auch wohnen.Die 68-jährige Christine Trautwein stammt aus Freiburg und lebte von 1971 an 37 Jahre lang in Frankreich. Erst 2008 ist sie wieder in ihre Heimatstadt gezogen. Gleich nach ihrer Ankunft in jenem Oktober war sie zum Stadtteiltreff gegangen, war zufällig in eine Besprechung der Engagierten geraten, sah sich auf Anhieb "herzlich und freundlich" begrüßt und eingeladen, ihre Werke im Treff zu zeigen. Das hat sie ein Vierteljahr später auch getan, hat anschließend der Einrichtung einige kleinformatige Bilder überlassen, hat durch die Ausstellung Theresia Klugermann kennen gelernt und sich mit ihr angefreundet. "Diese Erfahrungen haben mir den Anfang in Freiburg leichter gemacht. Ich bin ja eine Migrantin in der eigenen Heimatstadt", sagt Christine Trautwein.
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Diese Heimatstadt verließ sie im Alter von 31 Jahren in Richtung Paris. Qualifiziert als Sekretärin fand sie dort eine Anstellung bei der deutsch-französischen Handwerkskammer. Nach neun Jahren zog Christine Trautwein nach Rouen in der Normandie und erlernte an der dortigen Kunstschule die Buchbinderei. "Weil ich von jeher von Büchern und schönem Papier begeistert bin", erzählt sie. Abgesehen davon finden sich Fertigkeiten dieses Handwerks auch in der Weberei, worin Christine Trautwein eine Lehre absolviert hatte.
Über das Buchbinden kam sie zur Kleistermalerei, was in Frankreich eine gängige Technik ist, um Einbände zu gestalten. Christine Trautwein stellt selbst Kleister auf der Grundlage von Reisstärke her und mengt Acrylfarben bei. Dieses Gemisch trägt sie auf Papierbögen auf, sei es mit Pinseln oder auch mit einem Schwamm, und gestaltet diesen Farbauftrag wiederum mit verschiedenen Gegenständen oder mit den Fingern. Dabei ergeben sich immer wieder neue plastisch wirkende Oberflächenstrukturen.
Natürlich stehen derart gestaltete Papiere für sich, sie lassen sich aber auch weiterverarbeiten, etwa zu Schachteln, Tüten, Umschlägen, Karten, Umrahmungen oder eben zu Bucheinbänden. Gerne faltet Christine Trautwein Körper wie Pyramiden oder Quader und formt sie zu röhren- oder säulenartigen Gebilden. Vor allem solche Skulpturen zeigt sie in der AWO-Seniorenwohnanlage.
Fasziniert von dieser Profession hat sich Christine Trautwein stetig weiter entwickelt, auch im Atelier der Hamburger Künstlerin Gisela Reschke, einer international bekannten Kleistermalerin, hat selbst das Buch "Le papier à la colle – Impressionen sur papier" veröffentlicht und damit ein bis dahin in Fachkreisen gut gehütetes Wissen allen zugänglich gemacht.
Nach Freiburg zurück gekehrt ist Christine Trautwein im Blick auf das Älterwerden. Sie hat zwar viele Freunde und Bekannte in Frankreich zurück gelassen, die sie vermisst, wobei diese Momente seltener geworden sind. Glücklich ist sie über ihre Wahl des Stadtteils Brühl-Beurbarung und dankbar für den Stadtteiltreff. Dort ist sie denn auch regelmäßig, als Teilnehmerin des deutsch-türkischen Kochtreffs, als Leiterin von Origamikursen und Besucherin der offenen Treffs und von Veranstaltungen.
Autor: Silvia Faller
