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30. November 2014 16:49 Uhr

Barrieren am Bahnhof

Behinderte und Nichtbehinderte protestierten für Barrierefreiheit am Hauptbahnhof Freiburg

50 Menschen waren dem Aufruf zu einem Flashmob am Freiburger Bahnhof gefolgt: Man wollte vor Ort demonstrieren, welche Hindernisse sich dort für behinderte Menschen auftun – und für anderweitig eingeschränkte Zuggäste.

  1. Ende der Mobilität: Rollstuhlfahrer müssen ans Ende des Bahnsteigs zum Fahrstuhl. Foto: Thomas Kunz

  2. Aber auch mit Fahrradhänger sind Treppen Stress. Foto: Thomas Kunz

"Super ist ja schon, wenn der einzige Aufzug am Bahngleis überhaupt funktioniert", stellt Bruno Stratz lakonisch fest, "wenn der außer Betrieb ist, bin ich hier aufgeschmissen." Bruno Stratz ist auf einen Rollstuhl angewiesen und viel mit Regional- und Fernzügen unterwegs. Er ist einer der rund 50 Menschen, die am Samstagmittag dem Aufruf zu einem Flashmob am Freiburger Bahnhof gefolgt sind. Vor Ort demonstrierten sie, welche Hindernisse sich dort für behinderte Menschen auftun – und für anderweitig eingeschränkte Zuggäste.

Der Freiburger Hauptbahnhof ist für viele Reisende unwegsam

Im Nu hatte sich am Samstagmittag die Halle im Freiburger Hauptbahnhof gefüllt: Die etwa zwei Dutzend Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer und noch einmal so viele Fußgängerinnen und Fußgänger nahmen gemeinsam viel Raum ein, um bei einem sogenannten Flashmob, einer online und per Handy inszenierten Demo, zu protestieren. Ihre Kritik: Dieser Bahnhof ist – wie im Übrigen die meisten anderen deutschen Bahnhöfe auch – unwegsam für alle, die ohnehin schon nicht ungehindert unterwegs sein können.

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Unwegsam sei der Bahnhof für viele, erläuterte per Megafon Jörg Dengler vom Verkehrsclub Deutschland (VCD): "Egal, ob jemand alt und gebrechlich ist, viel und schweres Gepäck dabeihat oder einen Kinderwagen, ein Fahrrad oder einen Rollator, oder ob jemand an Krücken unterwegs ist oder im Rollstuhl – ausgerechnet hier, wo es um Beweglichkeit über weitere Strecken geht, ist deren Mobilität noch einmal um ein Vielfaches mehr eingeschränkt." Das soll sich ändern. So will es auch die Europäische Union, erklärt Dengler. Ab 15. Januar nämlich tritt die EU-Verordnung zum Schienenverkehr mit speziellem Augenmerk auf Menschen mit Behinderungen in Kraft. Die sollen Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit das Reisen in Zügen und das Unterwegssein auf Bahnhöfen erleichtern.

Im Mai dieses Jahres hatte sich in Freiburg die Initiative für einen Bahnhof ohne Barrieren (kurz: Bob) gegründet. Ein Bündnis, in dem sich viele zusammengetan haben – wie die Behindertenbeiräte der Region, das Freiburger Bündnis für Familien, der VCD, etliche Gemeinderatsfraktionen und die Freiburger Wirtschafts- und Tourismusförderer "Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe". Deren Pressesprecherin Franziska Pankow ist am Samstag mit dabei: "Es ist unser Anliegen, dass Freiburg tatsächlich für alle Gäste einladend ist – wie wär’s mit einem Modellbahnhof Freiburg?"

Nachdem erste Appelle und Aufforderungen für Verbesserungen in Richtung Bahn ungehört blieben, fand es die Initiative an der Zeit, deutlicher in Erscheinung zu treten, so Anke Dallmann, Stadträtin für die Freien Wähler – und selber Rollstuhlfahrerin.

Rund zwei Stunden dauerte die Aktion, bei der sämtliche Flashmobberinnen und Flashmobber von Bahnsteig 1 auf Bahnsteig 2 wechselten. Mit dem einen winzigen Fahrstuhl. Wenn der ausfällt, haben nicht nur die mit bepackten Radtour-Rädern oder Kinderwagen und Gepäck ein Problem, sagt Melanie Hildmann, Behindertenbeauftragte für den Kreis Breisgau Hochschwarzwald: "Da muss ich dann samt E-Rollstuhl hochgetragen werden."

Der Zug ist ein Alltagsfahrzeug für alle Reisende

Noch eingeschränkter ist als Zugreisende Karin Brückel. Sie ist auf Assistenz angewiesen und muss jede Zugfahrt spätestens 24 Stunden vor der geplanten Abreise bei der Bahn anmelden – bei oft nur zwei Rollstuhlplätzen pro Zug oder zu wenig Personal auf kleinen Bahnhöfen im Regionalverkehr kommt es immer wieder vor, dass ihre Reisevorhaben von der Bahn abgesagt werden. Und: "Reisen klingt so gewichtig – es sind aber ganz alltägliche Fahrten. Ich habe weder Auto noch Chauffeur und brauche die Bahn ganz einfach als Verkehrsmittel, nicht als Urlaubsfahrzeug."

Die Fahrgäste auf den Bahnsteigen lobten die Aktion – ringsherum nur Zuspruch. Die Bahnmitarbeiter verwiesen auf Nachfrage an die Pressestelle in Stuttgart, eine Stellungnahme von dort steht noch aus. Die Berliner Zentrale der Bahn AG teilt mit, dass der DB-Konzern seit Jahren große Anstrengungen unternimmt, um Fahrgästen mit Behinderungen eine selbstbestimmte Mobilität zu ermöglichen. Die Lörracherin Diane Haller fragt, wie lange sie darauf warten muss. Sie kommt im Rollstuhl auf Bahnsteig 2 an, Tochter Amelie-Jasmin auf dem Schoß, ihr Mann Alexander schiebt: "Wenn ich alleine bin und der Fahrstuhl ist kaputt, fahre ich mit dem nächsten Zug weiter und versuche so nach Freiburg zurückzufahren, dass ich gleich auf Bahnsteig 1 ankomme."

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Autor: Julia Littmann