Vereint im Verein

Bei der Initiative „Über den Tellerrand kochen“ knüpfen Menschen leicht Kontakt mit Menschen aus aller Welt

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 01. August 2018

Freiburg

Sie sprengen Grenzen der Sprache und der Nationalität: Bei den Aktionen des Vereins „Über den Tellerrand kochen“ treffen sich Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten. Meist kochen sie drinnen, in der Küche der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) an der Lorettostraße oder im Strandcafé auf dem Grethergelände. Doch weil sie bis zum vergangenen Samstag einen Autoanhänger mit mobiler Küche von ihren Kollegen aus Berlin ausgeliehen hatten, zogen sie für fünf Abende in den Eschholzpark um – und präsentierten sich.

Die Sonne glüht, auch wenn es langsam Abend wird. Das gelbe, vertrocknete Gras im Eschholzpark erinnert entfernt an Wüstensteppen, die Temperatur erst recht. Trotzdem lassen sich die knapp 20 jungen Menschen, die an diesem frühen Abend hier zusammengekommen sind, nicht von ihrem Plan abhalten: Sie schalten die Herdplatten ihrer
mobilen Küche ein – und kochen.

Los geht’s mit einem Kennenlern-Spiel, bei dem sich alle in zwei Gruppen teilen. Dann stehen jeweils die Mitglieder einer Gruppe zusammen auf einer Decke und versuchen, die Decke umzudrehen, ohne sie zu verlassen. Dazu stellt Laura Werschky (31) den Verein "Über den Tellerrand kochen" vor – denn längst nicht alle, die diesmal mit dabei sind, gehören fest zum Verein. Jedes Mal kommen neue Gäste dazu, die oft über Facebook oder über Freunde auf die Koch-Events aufmerksam werden.

Manche kommen nur einmal, manche immer wieder. Alle müssen sich vorher anmelden, die Gruppen werden so zusammengestellt, dass idealerweise jeweils die Hälfte aus Geflüchteten und Einheimischen besteht. Diese Idee stammt aus Berlin, dort entstand einst die erste Gruppe von "Über den Tellerrand kochen". Als Christoph Kutter (27) übers Internet davon erfuhr, schloss er sich der Initiative an, die Pascal Hauser 2016 in Freiburg gestartet hatte. "Ich fand die Idee super: Menschen zusammenbringen, gemeinsam kochen und was Gutes essen."

Im Idealfall bleibt es nicht beim Kochen und Essen: "Ich habe hier unter den Geflüchteten einige gute neue Freunde gefunden", erzählt Christoph Kutter. Über solche Entwicklungen würde sich Nagham Aldafées (19) freuen. Sie ist zum ersten Mal da, steht an dem langen Tisch der mobilen Küche und schneidet Tomaten. "Ich habe wenig Kontakt zu Deutschen und würde gern mein Deutsch verbessern und Deutsche kennenlernen", sagt sie. Vor zwei Jahren ist sie aus Syrien geflüchtet, bisher hat sie Sprachkurse belegt, nach den Ferien startet sie in der Vorbereitungsklasse am Walter-Eucken-Gymnasium.

Sie kennt das Gericht, das gekocht wird: Ali Abou Aljas (25) ist der Koch dieses Abends, auch er stammt aus Syrien, arbeitet als Biochemiker in einem Labor und hat ein Linsenrezept mit Reis und gebratenen Zwiebeln ausgesucht. Dazu gibt’s Salat und als Nachtisch ein süßes Mozzarelladessert. Er kocht gern zu Hause, doch die Regie beim Koch-Event führt er zum ersten Mal: "Bisher war ich zwei Mal als Gast mit dabei", erzählt er. Er mag die Atmosphäre und die Kontakte mit Deutschen. Während er in einem Topf rührt, in dem Mozzarella schmilzt und zu einer gelben Masse wird, stehen überall um ihn herum Menschen und schneiden Gemüse – Zwiebeln, Gurken, Petersilie. Die Gesprächsthemen wechseln hin und her, von der Frage, wie klein die Zwiebelstückchen sein sollen, bis zum Baden im Dietenbachsee.

Unter anderem wurde zuletzt Peruanisch und Gambisch gekocht, wenn es Fleisch-Gerichte sind, gibt’s immer auch eine vegetarische Alternative. Die Teilnahme ist kostenlos, aber es steht eine Spendenbox bereit. Außerdem gibt es Sponsoren, unter anderem die Bürgerstiftung, die Schöpflin-Stiftung, die Biosupermarktkette Alnatura und die Drogeriekette dm. Alle, die mitmachen wollen, können etwas beitragen, sagt Laura Werschky, die als biologisch-technische Assistentin arbeitet und dazu kam, weil sie Kontakte mit Geflüchteten suchte. Ähnlich ging’s der Biotechnologin Alexandra Höfler (27), die in einem Krankenkassenheft einen Artikel über die Initiative las und nachforschte, ob es sie auch in Freiburg gab. Bisher kommen nur jüngere Leute – eingeladen aber sind alle Altersstufen.