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12. August 2011

Ferienaktion

BZ-Leser erleben im E-Werk die Vielfalt von Kunst

Baugerüste können ein Segen sein. Nicht nur, weil sie sich zum Anschließen der Fahrräder eignen, mit denen gestern zahlreiche BZ-Leserinnen und –Leser zum E-Werk geradelt waren.

Sie sind auch der sichtbare Beweis, dass sich niemand mehr Sorgen machen muss um den Fortbestand des Industriedenkmals im Stühlinger, das um 1900 errichtet worden war, um die schnell wachsende Stadt mit Strom zu versorgen. Seit zwei Jahren wird saniert und umgebaut. Bis Oktober soll alles fertig sein.

Nicht auszudenken, was aus dem Gebäude geworden wäre, hätte der Gemeinderat sich nicht für eine gründliche und kostspielige Sanierung entschieden. Durch glückliche Umstände kamen am Ende vier Millionen Euro dafür zusammen. Das Dach war ebenso undicht wie die Fenster, der Gang zur Toilette ein krimireifes Abenteuer. "Die Sanierung stand auf der Kippe", rekapituliert Wolfgang Herbert, der stellvertretende Leiter des heutigen Kulturzentrums, vor den 155 BZ-Gästen die jüngste Vergangenheit. "Es ist die Kunst, die dafür sorgt, dass solche Baudenkmäler stehen bleiben."

Ende der 1980er Jahre fiel einigen Bildenden Künstlern auf, dass die alte Industriearchitektur Besseres verdient hätte, denn als bloßer Lagerraum genutzt zu werden, wie das seit dem Ende der Stromerzeugung um 1950 der Fall war. Sie entdeckten die ehemalige Turbinenhalle mit dem vielen Licht von oben als ideales Atelierhaus. 30 Künstler haben hier heute ihre Werkstätten und Ateliers. Aber das ist noch längst nicht alles: "Wichtig ist uns unser interdisziplinärer Ansatz", erklärt E-Werk-Mitarbeiterin Laila Koller. Musik, Tanz und Theater haben in dem weitläufigen Gebäude ebenfalls eine Heimat gefunden. Die Schönen der Nacht, bewegungs-art, eine Schauspielschule und die Jazz- und Rockschule haben sind hier zu Hause. Und freien Theatergruppen bietet das Kammertheater eine Bühne.

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Wer mag, kann bei der Sommerakademie Ende August seine Talente im Malen, Zeichnen, Modellieren ausprobieren. Heike Piehler, die neue Leiterin des Hauses verspricht "noch einige freie Plätze". Schließlich hatten die Künstler des E-Werks (wo jährlich 33 000 Gäste etwa 250 Veranstaltungen besuchen) von Anfang an nicht die Hochkultur im Blick, sondern wollten einfache Zugänge zu einer "Kultur für alle" anbieten. So hat es kürzlich als eines seiner interkulturellen Projekte "acht digitale Geschichten aus Freiburg" produziert mit acht Freiburgern aus sechs Nationen. Den BZ-Gästen werden einige Kostproben serviert. Anrührend, welche Worte und Bilder der aus Italien stammende Rechtsanwalt Emilio Sauteusaneu findet für die innere Zerrissenheit, die ihn weder in Italien noch in Freiburg ganz zu Hause sein lässt.

Auch die aus Peru stammende Herta Seibt de Zinser, mit schlesischen Wurzeln, hat mitgemacht, wenn auch zunächst widerstrebend. Denn eigentlich ist es weniger die Sprache, mit der sie sich ausdrückt, sondern ihre Kunst: Seit 2004 hat die Künstlerin "das Privileg, in der Bildhauerhalle arbeiten zu dürfen". Skulpturen aus gebogenen Metallröhren sind ihr Markenzeichen, "Verwandlungen" ihr Thema. Im großen Veranstaltungssaal wird eine ihrer Skulpturen auf der Videoleinwand von einer Tänzerin präsentiert. "Können Sie von Ihrer Kunst leben?", fragt eine BZ-Leserin. Das Unterrichten von Kindern und ein Ehemann als Ernährer helfen beim Überleben.

Der Begeisterung für die Kunst tut das bei ihr aber keinen Abbruch – auch für die der Kollegen: Johannes Bierlings Holz- und Metallplastiken etwa oder Charly Loths Kettensäge-Kunststücke zeigt sie in der ehemaligen Turbinenhalle des mit Kohle befeuerten Dampfkraftwerks. So schwer waren die Strom erzeugenden Ungetüme, dass sie nur mit einer ausgeklügelten Statik zu halten waren. Die ist zu besichtigen ein Stockwerk tiefer in der "Pfeilerhalle" mit ihren massigen Stützen und Rundbögen, von der Heike Piehler sagt: "Der Raum eignet sich vor allem für experimentelle Kunst."

Autor: Anita Rüffer und Rita Eggstein (Fotos)