BZ-Interview

Doping-Kommission: Paoli fühlt sich von Uni-Rektor Schiewer brüskiert

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 19. August 2013 um 08:54 Uhr

Sportpolitik

Verhärtete Fronten zwischen der Uni Freiburg und ihrer Kommission zur Geschichte der Sportmedizin: Vorsitzende Paoli sieht sich durch Rektor Schiewer brüskiert – und wirft der Uni schwere Versäumnisse vor.

Sie kritisiert einen von Rektor Hans-Jochen Schiewer vorgeschlagenen Termin als "brüskierende Vorladung". Überdies wirft sie der Uni Verzögerungstaktik und schwere Versäumnisse vor. Seit 2010 erforscht Paoli mit sieben weiteren Wissenschaftlern vor allem die Doping-Vergangenheit der Sportmedizin.

BZ: Frau Paoli, die Universität hat Ihre Kommission angeschrieben. Sie sollen am 10. September nach Freiburg kommen. Ist das eher eine Einladung oder eher eine Vorladung?
Paoli: Nur formell eine Einladung. Für mindestens die Mehrheit der Kollegen, aufgrund der Urlaubszeit kenne ich nicht alle Meinungen, ist es eine brüskierende Vorladung.

BZ: Warum?
Paoli: Bedenken Sie, mitten in der Urlaubszeit werden wir ohne vorherige Terminabsprache für ein vierstündiges Gespräch kurzfristig nach Freiburg zitiert, um einen schriftlichen Sachstandsbericht über unsere bisherigen Ergebnisse vorzulegen. Hat Rektor Schiewer vergessen, dass es uns aufgrund der Geschäftsordnung strikt untersagt ist, vor der Abnahme unseres Endberichts durch die von ihm persönlich im Oktober 2012 eingesetzte Prüfungskommission irgendwelche Ergebnisse weiter zu geben? Verschärfend hinzu kommt die auf Informationen der Universität basierende Berichterstattung etwa der SWR-Landesschau, Rektor Schiewer übe mit der Einladung Druck auf die Kommission aus, nun endlich einen Abschlussbericht vorzulegen. Das Wort Druck gegenüber einer in jeder Hinsicht unabhängigen Untersuchungskommission ist hier schlicht kontraproduktiv. Nach meinen Informationen falsch ist zudem die von der Universität an die Presse gegebene Behauptung, eine Kommissionsmehrheit habe einer Einladung bereits zugestimmt. Es überrascht mich folglich nicht, dass einige Kollegen ihre Bereitschaft mittlerweile zurückgezogen haben.

BZ: Die Berliner Forschergruppe um Professor Giselher Spitzer liefert in ihrer Studie Belege für systematisches Doping mit staatlicher Unterstützung in Freiburg. Wie bewerten Sie diese Studie?
Paoli: Für eine Bewertung muss der Gesamtbericht und nicht nur die etwa 120-seitige Zusammenfassung von offizieller Seite veröffentlicht werden. Dann können sich alle Fachleute ihr Urteil bilden. Die Kommission wird das mit ihrem Endbericht tun, vorher sind wir aufgrund der Geschäftsordnung zur Verschwiegenheit verpflichtet.

BZ: Sie übernahmen die Leitung der Kommission Ende 2009. Wann rechnen Sie mit einem Abschluss Ihrer Arbeit?
Paoli: In etwa einem Jahr und im Gesamtumfang von über 1000 Seiten. Lassen Sie mich betonen: Die Geschäftsordnung als einzige schriftliche Arbeitsgrundlage sieht keinen fixen Abschlusstermin vor. Dort heißt es lediglich, die Arbeiten sind mit der Vorlage eines Endberichts an den Auftraggeber beendet. Alles andere hat auch keinen Sinn bei einer derart komplexen und schwierigen Materie.

BZ: In Freiburg fragen sich viele: Warum dauert das so lange?
Paoli: Bedenken Sie: Die Kommission etablierte sich im August 2007. Im Februar 2008 und nach der Vorlage erst dreier Einzelgutachten stellte sie faktisch ihre Arbeit ein. Ende 2009 übernahm ich den Vorsitz. Im März 2010 lehnte Rektor Schiewer mit dem Satz "Keine Konzentrierung auf das Dopingthema und keine Zeitzeugenbefragungen" meinen detaillierten Arbeitsplan ab. Die Kommission stand darauf kurz vor dem Scheitern. Erst im September 2010 konnten die Arbeiten erneut aufgenommen werden. Im Februar 2011 wurden uns auf meine explizite Anfrage an Rektor Schiewer die Existenz und der Verbleib aller erhaltenen Abteilungsunterlagen und der gesamten Geschäftskorrespondenz von Professor Joseph Keul im Umfang einiger tausend Blatt von einer Abteilungsleiterin des Rektorats mit einer Unwahrheit verschwiegen respektive vorenthalten.
"Erst seit Oktober 2012 haben wir Zugang zu den Keul-Unterlagen."

BZ: Universitätsjustiziarin Ursula Seelhorst? Bereits Ihr Vorgänger Hans-Joachim Schäfer hatte sich mit Seelhorst überworfen.
Paoli. Eine Abteilungsleiterin. Sie behielt die von ihr im Namen der Kommission wohl 2007 von Professor Hans-Hermann Dickhuth angefragten und erhaltenen fünf Kisten Unterlagen weiterhin in ihrer Wohnung oder Garage. Im Juli 2012 habe ich diese Tatsache aufgedeckt, von Rektor Schiewer liegt mir aber keine Reaktion vor. Was die Frage aufwirft, ob das Rektorat diese folgenreiche Unwahrheit einer Abteilungsleiterin duldet? Erst seit Oktober 2012 haben wir Zugang zu den Keul-Unterlagen. Und vor allem: Seit Juni 2012 versuchen wir den offiziellen, also von Altrektor Wolfgang Jäger nicht manipulierten Arbeitsauftrag einer Untersuchung der gesamten Freiburger Sportmedizin der letzten 50 Jahre doch noch zu erfüllen. Eine Riesenaufgabe angesichts der absolut notwendigen Archivarbeiten, die im Ergebnis zu mittlerweile etwa 10.000 Blatt Kopien führten.
"Leider sind wir aber auch auf große Widerstände gestoßen."

BZ: Jäger und Schiewer widersprechen Ihrem Manipulationsvorwurf vehement, Sie bleiben dabei. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit der Universität, der Klinik und der Stadt Freiburg in den vergangenen vier Jahren erlebt?
Paoli: Ich bedauere die negative Publizität und den sicher ganz erheblichen Imageschaden, welchen Universität, Klinikum und Stadt Freiburg im Zuge der Aufdeckung des Dopings bei Telekom/T-Mobile seit 2007 erlitten haben. Freiburg war für fast zehn Jahre auch meine Heimat. Ohne Zweifel wünschen sich wohl 99 Prozent der Mitarbeiter des Klinikums und der Universität nichts mehr als restlose Aufklärung. Die Kommission und ich persönlich haben von vielen Angehörigen der Universität und des Klinikums großartige Unterstützung erfahren, für die wir sehr dankbar sind. Leider sind wir aber auch auf große Widerstände gestoßen insbesondere beim Zugang zu archivierten Unterlagen. Ich kann speziell im Fall noch immer unzugänglicher, aber ganz wichtiger Altakten nur nochmals an die Bereitschaft der Stadt Freiburg appellieren, ihre Haltung zu überdenken.

BZ: Die Stuttgarter Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) würde gern zwischen Ihnen und Rektor Schiewer vermitteln. Seit Frühjahr kam aber kein Gespräch zustande. Warum nicht?
Paoli: Ich bin Frau Ministerin Bauer ausgesprochen dankbar für ihren Einsatz. Das gilt übrigens auch für ihren CDU-Vorgänger Professor Peter Frankenberg, der 2007 gegen große Widerstände durchgesetzt hat, dass die Evaluierungskommission überhaupt eingesetzt und die Mitglieder auf Vorschlag von Professor Werner Franke berufen wurden. Frau Bauer hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Kommission vom Auftraggeber zum 1. Februar dieses Jahres nicht aufgelöst wurde.
"Rektor Schiewer muss Stellung nehmen"

BZ: Das sind schwere Vorwürfe.
Paoli: Es geht das Gerücht, eine entsprechende Pressemitteilung sei schon geschrieben gewesen. Frau Bauer, wie auch die Leitung des Klinikums, der Medizinischen Fakultät, der Universität, einer von Rektor Schiewer zum Oktober 2012 eingesetzten hochkarätig besetzten Kommission zur Prüfung unseres Abschlussberichtes und alle aktiven wie ehemaligen Kommissionsmitglieder kennen den Inhalt meines am 31. Januar vorgelegten Rechenschaftsberichtes Teil I. Sie alle wissen: Die dort auf 186 Seiten erhobenen und detailliert belegten Vorwürfe wie die Unwahrheit der Rektoratsabteilungsleiterin bezüglich der Keul-Unterlagen sind derart gravierend, dass Rektor Schiewer diese nicht ignorieren kann. Er muss Stellung nehmen und zwar vor dem Gespräch mit Frau Bauer. Aber nach nun fast sieben Monaten hat er darauf noch mit keinem einzigen Wort reagiert. Keinem. Warum wohl?

BZ: Die Grünen verlangen von der Bundesregierung Auskunft darüber, ob Ihre Arbeit in Freiburg behindert wurde oder wird. Hat die Bundesregierung Sie schon um eine Stellungnahme gebeten?
Paoli: Nein, noch nicht. Zur Bundestagsanfrage der Grünen vom 6. August 2013 möchte ich sagen: Rektor Schiewer begründet die Einladung der Kommission und die Vorlage eines Sachstandsberichts explizit mit parlamentarischen Anfragen. Er hat uns diese mit seinem Schreiben aber nicht vorgelegt. Dies geschah erst auf meine ausdrückliche Nachfrage, denn die Kommission muss doch wissen, welche Anfragen gestellt wurden und inwieweit sie im Rahmen ihrer Verschwiegenheitsverpflichtung zu deren Beantwortung beitragen kann und darf. Bis heute behauptet aber das Rektorat – wohlgemerkt einer der besten deutschen Universitäten – ihm liege im Gegensatz zu den drei Anfragen an die Landesregierung ausgerechnet die Bundestagsanfrage der Grünen nicht vor. Sie habe von dieser nur aus der Presse erfahren und könne sie folglich der Kommission nicht zur Verfügung stellen. Ist das glaubwürdig? Kollegen vermuten, Freiburg möchte auf keinem Fall, dass die Kommission sich aufgefordert sieht, meinen Rechenschaftsbericht der Bundesregierung oder gar der anfragenden Stuttgarter Grünen-Fraktionschefin Edith Sitzmann zur Verfügung zu stellen. Zudem steht Teil II mit konkreten Beispielen einer Nichtunterstützung durch das Rektorat noch aus.
Zur Person

Die Professorin Letizia Paoli ist Kriminologin. Sie gehört zu den führenden Mafia-Expertinnen in Europa. Die Juristin lehrt an der Universität Leuwen in Belgien. Ende 2009 übernahm sie den Vorsitz über die sogenannte Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin.

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