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29. Dezember 2010

"Das ist eine Rückentwicklung"

Hansjörg Rasch entsetzen die Missbrauchsfälle und die Strukturreform der Kirche.

  1. Hansjörg Rasch Foto: Ingo Schneider

Entsetzt sein und gleichzeitig mit Freude Priester bleiben – das hat das vergangene Jahr des Hansjörg Rasch geprägt. Den Pfarrer der Stühlinger Gemeinde Herz Jesu scheint es noch geradliniger gemacht und den Menschen näher gebracht zu haben. Es hat ihn zutiefst erschüttert, was sexualisierte oder körperliche Gewalt in der Römisch-katholischen Kirche Menschen angetan hat. "Das konnte ich mir nicht vorstellen, dass so was in diesem Ausmaß möglich wäre." Für den Sechzigjährigen ist die seit Anfang des Jahres offenkundig gewordene Vielzahl von Missbrauch in seiner Kirche vor allem eine Anfrage an das Priesterbild. Und wenn er sich auch noch kein abschließendes Urteil über die Ursachen erlauben will, so vermutet er doch, dass der Missbrauch etwas mit Macht und Einsamkeit zu tun hat.

Um Menschen nahe zu sein, hält Hansjörg Rasch jedenfalls die Zeit längst reif für verheiratete Priester und für den Diakonat der Frau. Doch: "Die Bischöfe sehen nicht, dass die Kluft immer größer wird zwischen Priestern und Gläubigen – und ich verstehe nicht, dass man das wissentlich tun kann." So kommt es ihm nämlich vor, wenn die kirchliche Verwaltungsreform dieses Jahres mit immer größeren sogenannten Seelsorgeeinheiten Nähe zu den Menschen unmöglich macht. "Das ist keine Weiter-, sondern eine Rückentwicklung, und schon gar kein spiritueller Anstoß." In geradezu heiligem Zorn klagt er: "Der Priester ist zum Verwaltungsbeamten geworden, und das persönliche Geschehen in einer Pfarrgemeinde wird an die Wand gefahren."

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Dabei empfindet Hansjörg Rasch just dies als das Schöne an seinem Beruf: in der Begegnung mit den Menschen ihre Freude, ihre Trauer, ihre Hoffnung mit ihnen zu teilen – "nicht nur als Priester, sondern auch als Mensch". Folglich ist ihm das Gehabe, durch die Priesterweihe etwas Besseres oder herausgehoben zu sein, ein Gräuel. Für ihn ist diese Weihe eher eine besondere Verpflichtung. "Ich mach’ meinen Dienst – das ist es, was mich glücklich macht: den Menschen etwas geben zu können und von ihnen viel zu bekommen." Denn in seiner großen Hochachtung vor denen, die ihren Glauben überzeugend leben, ist Hansjörg Rasch zutiefst überzeugt: "Nicht nur ist der Priester verantwortlich für den Glauben der Gemeinde, sondern auch die Gemeinde ist verantwortlich für den Glauben des Priesters."

Autor: Gerhard M. Kirk