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20. Oktober 2012

Der Freund der Affen

LEUTE IN DER STADT: Matthias Hiltmann ist im Tiergehege Mundenhof seit kurzem der neue Obertierpfleger.

  1. Matthias Hiltmann inmitten der Javaneraffen Foto: ingo schneider

Matthias Hiltmann sitzt entspannt in der Sonne auf einem Felsen, während um ihn herum eine Schar kleine Javaneräffchen wuselt. Die sind nicht ungefährlich, ihre Zähne sind messerscharf, entsprechend schmerzhaft können ihre Bisse sein. Doch der neue Obertierpfleger des Mundenhofs kennt seine Pappenheimer genau und weiß, was er darf und was er besser nicht tun sollte. Die Affen, auf Futter wartend, schauen ihn gespannt an. Plötzlich greift einer blitzschnell in die Futterdose in Hiltmanns Hand. Der Freche sorgt damit für große Aufregung bei den Gefährten.

Matthias Hiltmann ist schon seit zehn Jahren Tierpfleger im Tiergehege Mundenhof, im Juli ist er nun zum Obertierpfleger aufgestiegen – als Nachfolger der Mundenhof-Institution Peter Mattuscheck. Die neue Position bringt für Hiltmann eine Menge mehr an Verantwortung mit sich – der 38-Jährige ist jetzt verantwortlich für alles Organisatorische: die Einteilung der Mitarbeiter, Dienstpläne, den Futter- und Materialbestand, den Zustand der Gehege und die Ausbildung der fünf Tierpfleger-Azubis. Mit seinem Vorgänger habe er sehr gut zusammengearbeitet, der habe ihn gut an die Aufgabe herangeführt, aber etwas zu machen sei doch etwas anderes als es zu wissen.

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Mit der gewachsenen Verantwortung für Tiere und Mitarbeiter – der Mundenhof beschäftigt noch sieben weitere Pfleger sowie Vertretungspersonal – und der vielen Organisation kommt Hiltmann gut klar. Allerdings vermisse er die ständige Arbeit mit den Tieren, vor allem die mit den Affen. "Ich versuche, mir Inselchen zu schaffen." So besucht er so oft es geht die 28 Javaner- und die drei Gibbon-Affen, das Pärchen Surya und Pulau und ihren Nachwuchs Jojo. "Damit ich mich noch auskenne und zu ihnen rein darf. Für die Seele muss ich mir das ein bisschen erhalten. "

Seine Liebe zu den Affen hat sich übrigens erst peu à peu entwickelt. Als er vor zehn Jahren vom Karlsruher Zoo, wo er zum Tierpfleger ausgebildet worden war, zum Mundenhof wechselte, bekam er die exotischen Tiere anvertraut, darunter auch die Affen. "Die wollte ich damals nicht unbedingt, das hat sich einfach so ergeben", erinnert sich Hiltmann und sagt dann: "Aber mittlerweile sind sie meine großen Lieblinge."

Zu den Tieren, mit denen man täglich zu tun habe, baue man eine Beziehung auf. "Wenn die einen mal akzeptiert haben und einem wohlwollend gegenüberstehen, passiert schon einiges auf der emotionalen Ebene." Hiltmann hat die komplizierte soziale Rangordnung der Affen genau studiert. Er achtet darauf, dass er, wenn er ins Gehege geht, nicht als ihr Chef auftritt, sondern als "Freund der Familie". Als solcher dürfe er einiges, aber nicht alles. Jeder der 28 grau-braunen Javaneraffen habe seine eigene Persönlichkeit. Hiltmann kennt sie alle. "Das muss man auch, wenn man mit ihnen auf Tuchfühlung gehen will. Man muss wissen, wie jeder Einzelne tickt, und sich an ihre Hausordnung halten." Rangniedere spinnten gern mal eine Intrige: So ließen sie ihn gegenüber den Ranghöheren als bösen Eindringling dastehen, gegen den sie die Gruppe verteidigen. "Die Rangniederen stellen sich vor einen hin, schreien und tun so, als würde man sie angreifen." Wenn dann der Chef komme und sich auf ihre Seite schlage, kämen auch alle anderen – und dann könne es schon ungemütlich werden, denn die Affen seien viel schneller als der Mensch. Wenn sie untereinander ihre Kämpfe austragen, greifen die Pfleger in der Regel nicht ein – es sei denn, das Leben eines Tieres ist bedroht.

Das Jurastudium gab Hiltmann für eine Tierpflegerausbildung auf

Tiere hat Matthias Hiltmann schon immer gemocht. Geboren in Trier, wuchs er auf dem Land auf und arbeitete auf einem Bauernhof mit. Nach dem Abitur studierte er Jura, bis er merkte, dass das nicht das Richtige für ihn ist. Er erinnert sich ans Baurecht und stöhnt: "Wenn man einen ganzen Aktenordner darüber anlegen muss, ob ein Dixi-Klo zwei Meter weiter rechts stehen muss..." Das Studium in Frankfurt hängte er nach fünf Semestern an den Nagel, arbeitete als Praktikant im Zoo der Mainmetropole und später in einer Papageienauffangstation in der Eifel. Da hatte er sich schon für den Beruf des Tierpflegers entschieden. Bereut hat er das nie. Zoos hält er trotz der immer wieder aufkommenden Kritik an ihrem Sinn und Zweck für wichtige Einrichtungen, solange die Haltung der Tiere angemessen ist. "Zoos haben für den Artenschutz und die Wiederansiedlung von bedrohten Arten eine Menge getan."

Hiltmann lebt mit seiner Frau und den neun und sechs Jahre alten Kindern in Stegen. Ob es daheim Tiere gebe? Der Obertierpfleger lacht. Natürlich. Aber nur pflegeleichte, denn mit der Tierpflege habe er ja tagsüber schon genug zu tun. Spricht’s und zählt die Tiere im Hause Hiltmann auf: eine Königspython, Fische im Aquarium, zwei Katzen, persische Rennmäuse, einige Stabheuschrecken ...

Autor: Frank Zimmermann