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18. Juli 2011
Die Entdeckung der Langsamkeit
Ein lauer Samstagabend lockt Tausende an den ein Kilometer langen "Mitternachtstisch" in der Altstadt.
Stau. Schon wieder. Diesmal hat sich vor dem Steg, der von der Gerberau zur Fischerau führt, ein Menschenknäuel gebildet, aus dem man nur mit Geduld und gemurmelten Entschuldigungen wieder raus kommt. Doch keiner murrt, niemand drängelt. Selbst dann nicht, als es auch nach der Engstelle nur im Schneckentempo weitergeht. Denn über dem zweiten Freiburger Mittsommernachtstisch am Samstagabend liegt das, was die Besucher schon 2009 so verzaubert hat: entspannte Gelassenheit.
Ausgehend vom Stadttheater durch Humboldtstraße und Gerberau, über den Adelhauserplatz, durch die Marienstraße bis zum Theater im Marienbad schlängelt sich das knapp ein Kilometer lange Band aus Tischen, nur an wenigen Stellen klafft eine Lücke, da nicht alle 500 Stellplätze vergeben worden sind. Einige werden von spontanen Wildtischlern gefüllt.
Christian Städter sitzt mit seinen WG-Kumpels an einem alten Holztisch, alle blicken konzentriert auf ein Spielbrett, ab und zu antworten sie einem Vorbeikommenden, der ihnen neugierig über die Schulter blickt: "Siedler. Wenn du in etwa 20 Minuten nochmal vorbeikommst, kannst du bei der nächsten Runde mitmachen." Die Studenten haben ihren Spieleabend kurzerhand an den Mittsommernachtstisch verlegt, neben Siedler und Carçassonne haben sie noch zwei weitere Strategiespiele dabei, "die sind aber gerade irgendwo da hinten", sagt Städter und deutet in die überfüllte Gerberau.
Werbung
Dass der laue Sommerabend so viele Menschen ins Freie und an die Tische lockt, kommt Stefan Meier sehr zupass. "Wir machen keine Werbung, und mit der Laufkundschaft ist es bei uns etwas schwierig, also nutzen wir die Chance, hier auf uns aufmerksam zu machen", sagt der Inhaber der "Galerie für schöne und außergewöhnliche Alltagsgegenstände" an der Hildastraße, in der regionale Künstler Regalmeter mieten können.
Wie schon beim ersten Mittsommernachtstisch gilt auch dieses Mal: keine kommerziellen Angebote. Wer seine Produkte, Meinung oder Künste an den Mann und die Frau bringen will, darf das zum Nulltarif gerne tun. So gibt es indisches Ein-Mann-Theater, ganze Zaubershows und Filmvorführungen, Livekonzerte und fliegende Schokoküsse. Es werden hitzige Debatten darüber geführt, wie sicher der Euro eigentlich noch ist und wie ein Italien ohne Signore Berlusconi aussehen könnte. Am Stand der BZ-Stadtredaktion darf jeder loswerden, welches Thema endlich mal in die Zeitung gehört. Und an jedem Tisch lockt Kulinarisches, von Chips und Obststückchen bis zu selbst gemachten Gaumenschmeichlern wie Brownies oder Tapenade.
Dirk Alfare und seine Frau Martina servieren zum Baguette mit Aufstrichen Markgräfler Wein. Sie präsentieren den Verein "Carpe Vinum", ein junges Weinforum, in dem sich Liebhaber guter Tropfen regelmäßig zum Verproben und Benoten selbiger treffen. "Die Atmosphäre hier ist großartig, wir führen gute Gespräche", schwärmt Dirk Alfare.
Autor: Claudia Füßler (Text) und Rita Eggstein (Fotos)
