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20. Februar 2012

Politikerinnenaktion

Bild-Zeitung skandalisiert "Vagina Monologe"

Anderswo kein Problem – aber Bild-Zeitung nennt Aufführung der "Vagina Monologe" von neun Europaabgeordneten eine Affäre.

  1. Mit dabei: Europaabgeordnete Franziska Brantner Foto: rita eggstein

Mitte der 90er Jahre kämpften sich Rezensenten mit mehr oder weniger gutem Erfolg durch die Aufführungen von Eve Enslers "Vagina-Monologen". Zunächst eine Provokation, gehörten sie alsbald ins Repertoire vieler Theater. Dass 15 Jahre danach die Aufführung des tabukritischen Stücks zumindest bei der Bildzeitung noch für Furore sorgen kann, liegt an der Prominenz der Aufführenden – und am Veranstaltungsort. Neun abgeordnete Frauen des Europaparlaments – darunter Franziska Brantner (Grüne) aus Freiburg – werden am 6. März dort die Vagina-Monologe auf die Bühne bringen – zum V-Day, dem Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen. Eine "Muschi-Affäre", so Bild.

Während Franziska Brantner mit solcher Pressereaktion konfrontiert wird, vermelden ihre Kolleginnen keine bis positive Resonanz auf das gemeinsame Vorhaben. Die belgische Grünen-Abgeordnete Isabelle Durant findet die mediale Zustimmung auch normal. "Es ist einfach ein sehr guter Text", sagt sie, "wenn er auch schwierig ist." Schwierig sei er, da er das Tabu bricht, dass über weibliche Sexualität nicht gesprochen wird. Schon gar nicht von Frauen und schon gar nicht in solcher Direktheit und Bandbreite.

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Vom Blümchensex bis zur Vergewaltigung nämlich lässt Eve Ensler die Schauspielerinnen in den Vagina-Monologen sprechen. Und genau deshalb haben auch die neun Europaabgeordneten dieses Stück ausgewählt. Die österreichische Abgeordnete Ulrike Lunacek, auch sie Grüne, beschreibt das so: "Angeblich sind wir alle sexuell befreit, aber das vorgeblich schamhafte Unsichtbarmachen von weiblicher Sexualität ist nach wie vor üblich und nützlich – es bedient die bestehenden Machtstrukturen." Das moniert auch Franziska Brantner, die nach mehr als zehn Jahren Frauenrechtsarbeit weiß, dass Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper und ihre Sexualität durchaus erkämpfen müssen: "Dieses Theaterstück setzt Frauen als sexuelle Wesen in ihr Recht – und lässt sie als Opfer oder frei Agierende offen sprechen."

Die Niederländerin Kartika Liotard, unabhängiges Mitglied im Europaparlament, hat deswegen bislang nur positive Rückmeldung von männlichen Parlamentskollegen bekommen. Und die Finnin Sirpa Pietikäinen findet genau dieses auch angemessen: "Die EU hat auch diesen gewichtigen Auftrag, sich gegen Gewalt gegen Frauen einzusetzen – und unsere Aufführung ist ein starkes Signal an die Institutionen, das beharrlich umzusetzen." Portugal, Rumänien, Schweden, Frankreich – für Franziska Brantner ist der kleine professionell und mit fordernden Proben inszenierte Schauspielerinnentrupp weit mehr als eine "Affäre": "Quer zum parlamentarischen Mainstream entsteht da nicht nur eine ungewöhnliche Aktion, sondern praktisch quer durch Europa und durch die Parteien haben wir dafür als Frauen eine starke Koalition geschmiedet!"

In einigen Blogs wird die allerdings sehr wohl auch von männlichen Kollegen angegriffen: "Sowas" gehöre nicht ins Parlament. Und der englische Abgeordnete Gerard Batten (Independence Party) fragte in einem Rundschreiben an alle Abgeordneten, ob es sich bei der geplanten Aufführung um eine Art Bauchrednerei handele. Alberne Reaktionen nennt das die französische Europaabgeordnete Marielle Gallo, "und ein Hinweis darauf, wie wenig selbstverständlich" das Thema sei. "Es ist ja tröstlicherweise so", kommentiert das Franziska Brantner, "dass diese Art Männer bei weitem in der Minderheit sind." Wichtig sei ihnen allen, mit der Aufführung Männer und Frauen im EU-Parlament aufzurütteln. Denn, so Brantner, "wir wollen damit mobilisieren für die Verhandlungen, bei denen es dann um Budgets geht, die gegen Gewalt gegen Frauen beschlossen werden müssen."

Autor: Julia Littmann