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19. November 2011
Die Touristen kommen wieder
Matsuyama im Herbst – Impressionen aus Freiburgs japanischer Partnerstadt acht Monate nach dem GAU.
Matsuyama liegt im Südwesten Japans am Seto-Binnenmeer – mehr als 800 Kilometer Luftlinie entfernt von Fukushima, wo es am 11. März dieses Jahres infolge eines Seebebens zu einem Reaktorunfall kam, über dessen Ausmaß es noch heute in den Medien widersprüchliche Aussagen gibt. Auch in Freiburgs japanischer Partnerstadt spüren sie die Folgen der Katastrophe. Touristen kamen in die 517 000-Einwohnerstadt auf der Insel Shikoku, die Hauptstadt der Präfektur Ehime, von da an keine mehr, auch wenn sich Teilreisewarnungen laut Auswärtigem Amt stets auf den Nordosten der Insel Honshu – das Krisengebiet um Fukushima – beschränkten und noch immer beschränken. Aus radiologischer Sicht ist ein Aufenthalt außer in der Sperrzone um das Atomkraftwerk in ganz Japan unbedenklich, sagt die Deutsche Botschaft in Tokio; nahezu alle im Handel erhältlichen Lebensmittel seien radiologisch unbedenklich. Auch Benjamin Gehring, in der Uni Freiburg für die asiatischen Partnerschaften zuständig und neulich zu Besuch in Freiburgs Partnerstadt, sagt: "Matsuyama kann als sicher bezeichnet werden."
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Die Unwissenheit über die Lage im Nordosten Japans und die Angst vor Verstrahlung waren groß. "Wir hatten ein halbes Jahr lang gar keine Touristen aus dem Ausland", sagt Kenji Fushimitsu, der bei der Stadtverwaltung von Matsuyama arbeitet und für das Wahrzeichen – die Burg – zuständig ist. Und auch die Japaner hätten das Reisen in den ersten Monaten nach dem 11. März eingestellt, auch aus Mitgefühl für die Toten und Verletzten. Fushimitsu glaubt aber, dass die Lage allmählich besser wird. Im Juni seien wieder erste Touristen gekommen, im Oktober wurden gar mehr Gäste als im gleichen Monat des Vorjahres gezählt. Insgesamt besuchten 2010 mehr als 5,8 Millionen Menschen Matsuyama, dies ist die höchste Besucherzahl der letzten zehn Jahre, sagt Fushimitsu. Um den Tourismus wieder anzukurbeln, hat die Stadt ein gemeinsames Tourismusprojekt mit der rund 70 Kilometer entfernten Stadt Hiroshima aus der Taufe gehoben und in Tokio kostenlose Reiseführer verteilt.
Wer nach Matsuyama – eine von modernen Gebäuden und Hochhäusern geprägte Stadt – kommt, dem fällt sofort die steil aufragende Burg über der Stadt in 132 Metern Höhe ins Auge. Auf diese gelangt man entweder in wenigen Minuten mit einer Seilbahn oder einem Sessellift.
Die Burg auf dem Berg Katsuyama wurde im 17. Jahrhundert erbaut, seit 1935 ist sie als Kulturdenkmal eingestuft und eine von zwölf heute noch im Originalzustand erhaltenen Burgen jener Zeit. Wobei Originalzustand relativ ist: Gemeint ist damit der alte Holzbaustil, Brände setzten der Burg zu, der heutige Zustand des Hauptturms geht auf die Jahre 1820 bis 1854 zurück. Über mehrere Holztore gelangt man ins Innere der Festung – in ein Museum, wo man alte Samurairüstungen mit Masken und Schwerter anschauen kann. Vom höchsten Punkt der Burg in 160 Metern Höhe hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt, das Meer und den Berg Ishizushi, mit 1982 Metern der höchste Berg Westjapans. "Die Burg ist der Stolz der Bürger von Matsuyama", sagt Tokihiro Nakamura, von 1999 bis 2010 Bürgermeister von Matsuyama und inzwischen Gouverneur von Ehime, einer von 47 Präfekturen des Landes. Im Gespräch erinnert er sich gerne an seine fünf Besuche in Freiburg – an Wein und Münsterwurst ("Das Beste"), den SC und wie er mal arglos vorschlug, die Bächle zuzuschütten, damit Rollstuhlfahrer besser die Stadt durchqueren könnten. "Die Altstadt zu erhalten, sei wichtiger", habe man ihm sogleich geantwortet. Ihn habe beeindruckt, welchen Wert man in Deutschland auf den Erhalt der Altstädte lege, sagt Nakamura.
Der Stadtteil Dogo Onsen ist bekannt für seine heißen Quellen ("Onsen"). "Das ist unsere Hauptattraktion", sagt Kenji Fushimitsu. Das prächtige Honkan-Bad, ein dreistöckiges Holzgebäude von 1894 mit Bädern und Ruheräumen, gilt als eines der ältesten Thermalbäder Japans und steht als einziges Badehaus des Landes unter Denkmalschutz. Hier hat die Kaiserfamilie eigene Räumlichkeiten. Das Haus diente als Vorlage für den Zeichentrickfilm "Chihiros Reise ins Zauberland". Geöffnet ist es ab 6 Uhr morgens. Auf dem Dach thront ein weißer Reiher; die Legende sagt, dass sein verletztes Bein in der heißen Quelle geheilt wurde, erklärt Reiseleiterin Keiko Ohashi. Viele Hotels haben hier eigene schwefelhaltige Thermalquellen, in denen die Gäste – natürlich nach Geschlechtern getrennt – nackt baden und den Körper mit Seifen und Lotionen pflegen.
Autor: Frank Zimmermann (Text und Fotos)
