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26. Januar 2012
BZ-Serie (Teil 4)
Ein Meister der Einzelstücke
Hans Johann Gockl holte einst das Rondo-Haus nach Freiburg, heute entwirft und baut er Mundharmonikas
Menschen zu begegnen, über die er schon vor 30 bis 35 Jahren schrieb – mit diesem Ansinnen hat unser Redakteur Gerhard M. Kirk jetzt einige von ihnen noch einmal besucht. Das Ergebnis ist eine 15-teilige Serie über Themen und Menschen zwischen damals und heute.
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ie ein UFO schwebt der weiße Koloss über den Dächern der Rheintorstraße in Breisach. Es ist kurz nach ein Uhr in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1976. Fenster werden geöffnet. Neugierige Menschen in Nachthemden und Morgenmänteln. Kommandos hallen durch die Dunkelheit, die von Blaulicht durchzuckt wird. Schließlich setzt der Kranwagen die oben und unten abgeflachte Kugel mit einem Durchmesser von 7,80 Meter und einem Gewicht von fünf Tonnen auf einen Sattelschlepper. Der setzt sich langsam in Bewegung. Unterwegs müssen immer wieder Verkehrsschilder beseitigt werden, die dem Transport im Wege stehen. Knapp drei Stunden später hat das Getüm endlich sein Ziel erreicht: Landwasser. Seitdem steht das weltweit einzige Rondo-Haus als Solitär in Freiburg.
"Es war damals eine absolute Sensation", erinnert sich Hans Johann Gockl. Er sah diesen Proto-Typ aus faserverstärktem Kunststoff, den das Basler Architekturbüro von Angelo S. und Dante M. Casoni bauen ließ, zum ersten Mal auf der Basler Mustermesse 1969. Und als das Kugelhaus nach der Weltausstellung für Kunststoffgebäude in Lüdenscheid dort in einem Hinterhof zu vergammeln drohte, wurde er mit den Brüdern Casoni handelseinig. Für 10 000 Mark kaufte er das futuristische Kugelhaus. Glatt doppelt so viel zahlte er für dessen Transport mit dem Schiff den Rhein herauf bis Breisach und von dort mit dem Sattelzug nach Landwasser. Was immer noch billiger war, als das Haus mit Wohn- und Schlafzimmer, mit Bad und Kochecke von der Bundeswehr mit einem Hubschrauber von Lüdenscheid nach Freiburg schaffen zu lassen (für 22 000 Mark pro Stunde).
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Dass Hans Johann Gockl dieses Objekt unbedingt haben wollte, hängt mit dem Logo seiner von ihm 1966 im Stadtteil Haslach gegründeten Firma Jalousien Gockl zusammen: eine ellipsenförmige blaue Weltkugel neben einer Jalousie. Da passte das – mittlerweile blau gestrichene – Rondo-Haus ihm gut ins Konzept und thront nun seit fast 36 Jahren auf dem dreiteiligen Firmengebäude an der Böcklerstraße. "Dieses Original-Musterhaus, das damals fast schon nach Japan verkauft war, ist ein guter Werbegag." Bis heute kommen Architekten aus aller Welt, um sich dieses Einzelstück anzuschauen. Wobei der praktische Gebrauchswert des Rundlings eher gering ist. "Eigentlich haben wir es nur für besondere Familien-Anlässe und als Weekend-Haus genutzt."
Es wird auch weiter in der Familie bleiben. Nach dem Rückzug Hans Johann Gockls aus dem Geschäft vor vier Jahren übernahm sein Enkel Tobias Tröscher die Firma. Samt Emblem natürlich, das ohne Rondo-Haus gar nicht mehr denkbar ist. Der nächtliche Transport mit Hindernissen und einigem Herzklopfen in jenem August 1976 hat sich also auf jeden Fall gelohnt, lächelt der heute 76-jährige Firmengründer. Der sich mittlerweile etwas anderem zugewandt hat, das auf den ersten Blick nicht minder exotisch als das Kugelhaus erscheint. Vor allem wegen der damit verbundenen Geschichte.
Die begann in Hans Johann Gockls Geburtsstadt Gakowa. Dieser Ort in der Batschka (heute Serbien) war bis 1945 zu 99 Prozent von Deutschen bewohnt. Nach dem Sieg über Hitler-Deutschland machten die neuen jugoslawischen Herren aus der Stadt an der Grenze zu Ungarn ein Internierungs- und Vernichtungslager für die sogenannten Donauschwaben. Hier tauschte "Hansi" (den die Ungarn Janosch, die Serben Jovan und die Amerikaner später Johnny nannten) etwa 1948 gegen einen kleinen hölzernen Pferdewagen seine erste Mundharmonika ein. Mit dieser "Marine Band" von Hohner überlebte er das Lager, wurde später, weil er so gut zeichnen konnte, Gehilfe in einem Vermessungsamt (statt sich wie viele andere im Bergwerk zu Tode schuften zu müssen). "Nachdem ich mich als Kind in meine Mundharmonika verliebt hatte", bat er schließlich Anfang der 1950er Jahre seine Oma in München, ihm eine chromatische Hohner nach Jugoslawien zu schicken. So bekam der 17-Jährige seine "Chromonica de Luxe". Später folgte ein Akkordeon. Er gründete eine Band und spielte als Volksdeutscher unter dem kommunistischen Regime zum Tanz auf. 1955 kam er als Eingebürgerter nach Deutschland, fuhr Taxi, baute schließlich mit dem Motto "Ich will die Welt beschatten" seine Firma auf. Da blieb ihm nicht viel Zeit für das, was Hans Johann Gockl "meine richtige eigene Geschichte" nennt. Die kam so richtig in Schwung, als er Anfang 1997 einen Mundharmonika-Stammtisch in Landwasser gründete, wo er seit den Anfängen dieses Stadtteils mit seiner Frau Brigita wohnt. Mittlerweile hat er etwa 600 "Goschehobel" gesammelt, viele auch repariert. Vor allem jedoch hat er inzwischen gut zwei Dutzend Mundharmonikas selbst entworfen und gebaut. "Salonfähige Instrumente", wie er sagt, "klein, aber nicht kleinlaut." Zum Teil aus Ahorn- oder Birnbaumholz. Ohne Schrauben. Eine sogar zur Hälfte aus einer neuseeländischen Muschel. Immer mit einem Resonanzkörper, der das kleine Instrument lauter klingen lässt. Und natürlich sieht eines aus wie das Rondo.
Sein Prunkstück ist die "Nautilus – C. C.", die einer zusammengedrückten Glocke ähnelt. "So eine Mundharmonika hat’s auf der Welt noch nicht gegeben." Entsprechend groß ist das Interesse an seinen Entwicklungen. Hersteller aus China und Brasilien und von Hohner ließen sich von ihm vorspielen. Nur mit dem Verkauf von Lizenzen hat es noch nicht geklappt. Seine Mundharmonikas sind wie das Kugelhaus allesamt Einzelstücke geblieben. Doch das stört Hans Johann Gockl nicht weiter, der auch selbst kleine Stücke komponiert und immer mal wieder seine Kunst öffentlich darbietet. Jeden Tag spielt er eine halbe bis eine Stunde lang. Denn er ist nicht nur von seinen Erfindungen begeistert ("da sind die unmöglichsten Dinge möglich geworden"). Der Meister der Einzelstücke ist auch überzeugt: "Die Mundharmonika ist der beste Arzt der Welt – sie erhöht den Sauerstoffgehalt im Körper und sorgt für ein großes Lungenvolumen."
Autor: gmk


