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09. Dezember 2010
Ein Gegenentwurf der Solidarität
Auf neuen Wegen zu einer Verantwortungsgemeinschaft.
Sollte dieses Projekt gelingen, wird Freiburg nicht mehr wiederzuerkennen sein. Es ist nämlich nichts weniger als der Versuch herauszufinden, welche Formen in einem Wohnquartier notwendig sind, um trotz der demographischen Veränderungen Solidarität zwischen Menschen zu ermöglichen – und diese dann auch im Alltag umzusetzen. Um was es genau geht, sagt der Titel des Projekts: um "Verantwortungsgemeinschaft für gelingendes Altern im Freiburger Osten", kurz VEGA.
"Es ist der Beginn eines neuen Denkens in die Quartiere hinein", erklärt Professorin Cornelia Kricheldorff von der Katholischen Hochschule Freiburg. "Denn wir wollen ein Modell entwickeln, um einzelne Akteure in einem Wohnquartier zusammenzubringen, damit sie gemeinsam das Miteinander von Generationen gestalten." Und mit den einzelnen Akteuren ist die Friseurin ebenso gemeint wie der Handwerker, der Tante-Emma-Laden ebenso wie die Toto-Lotto-Annahmestelle, der Bürgerverein ebenso wie die Pfarrgemeinde. "Wir suchen nach geeigneten Formen, wie Menschen sich als erweiterte Nachbarschaft verstehen lernen – mit einem gelingenden Altern im Blick."Werbung
Deshalb haben sich für dieses Projekt auch die Katholische Hochschule für Sozialwesen, die Heiliggeistspitalstiftung und das städtische Seniorenbüro zusammengetan. Denn, begründet Martina Racki-Flieger, Leiterin der Altenhilfe bei der Stiftung: "Als Träger der Altenhilfe müssen wir heute schon überlegen, was wir machen können, damit in Zukunft für die, die einen Bedarf haben, auch ein Angebot da sein wird." Was VEGA zunächst in den beiden Stadtteilen Littenweiler und Waldsee, wo die Stiftung mehrere Wohn- und Pflegeheime hat, beispielhaft erkunden und umsetzen will, soll später dann auf die anderen Quartiere übertragen werden. Das ist auch im Interesse Ursula Konfitins vom Seniorenbüro, dem vor allem an einer möglichst langen Selbständigkeit älterer Menschen gelegen sei.
Wie die angestrebte Verantwortungsgemeinschaft aussehen wird, ist noch völlig offen. "Es gibt keinen Auftraggeber mit bestimmten Erwartungen, weil die Hochschule das Projekt aus Eigenmitteln finanziert", sagt Cornelia Kricheldorff, "wir geben keine Ziele vor und können uns deshalb auf das einlassen, was aus dem Wohnquartier kommt." Oder wie es der Projektleiter Professor Martin Becker ausdrückt: "Wir wollen Formen finden, wie verschiedene Felder der Verantwortlichkeit miteinander in Verbindung zu bringen sind – und das dann als Möglichkeit für andere Viertel weitergeben." Etwa in einem Jahr sollen dafür erste Erkenntnisse vorliegen.
Für Stefanie Klott, die das Projekt wissenschaftlich begleitet, hat es den Vorteil, Wissenschaft und praktischen Alltag zu verbinden, um herauszufinden, wie Menschen bis ins hohe Alter bei einem immer engeren Radius soziale Teilhabe zu ermöglichen ist. "Es ist ein klarer politischer Gegenentwurf der Solidarität", sagt Cornelia Kricheldorff, die hofft, "Formen zu finden, in denen das Gefühl entsteht, dass es mit ihnen besser ist als ohne sie".
Autor: Gerhard M. Kirk
